Mein Kriegsende in Berlin
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Mein Kriegsende in Berlin

Zeitzeugen erinnern sich, wie sie als Kinder das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebten

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Helga Drews
Jahrgang 1938
Günter Reipert
Jahrgang 1938
Irmhild Zinow
Jahrgang 1936
Ernst Bittcher
Jahrgang 1928
Werner Gollnick
Jahrgang 1933
Ingrid Alf
Jahrgang 1936
Helga Drews
erlebte das Kriegsende am Hausvogteiplatz
im Alter von sieben Jahren
»Wir backten Kuchen aus Schutt«
Helga Drews

I ch sehe noch die Toten und verbrannten Hunde auf den Straßen, rieche den Qualm und wenn die Werkssirenen ertönen, höre ich die Sirenen im Krieg. Mein Spielplatz waren die Ruinen!

Am Hausvogteiplatz, Zentrum der Mode, wo wir nach Schulschluss „Räuber und Prinzessin“ spielten. Oder das ausgebrannte Kaufhaus „Rudolph Hertzog“ in der Breite Straße. Es war einsturzgefährdet, aber wir suchten in der ausgebrannten Bijouterie-Abteilung nach Perlen. In einer ehemaligen Bäckerei backten wir Kuchen aus Schutt.

Was mich als Kind sehr traurig machte, war der Verlust meines Puppenwagens, er war beim Bombenangriff in der Wohnung meiner Großeltern verbrannt. Meine Puppe kam dagegen, in einem kleinen Rucksack eingepackt, immer mit.

Hausvogteiplatz, 1946
Blick auf den während des Zweiten Weltkriegs zerstörten U-Bahnhof Hausvogteiplatz in Mitte. Foto: Berliner Verlag/Archiv
Günter Reipert
erlebte das Kriegsende am Hermannplatz
im Alter von sieben Jahren
»Ich fand eine abgetrennte Hand«
Günter Reipert

M eine Mutter und ich, wir hatten in dieser Zeit sehr großen Hunger. Von einer Bekannten hörte sie, ein Bäcker in der Sonnenallee backt noch. Es wurde immer noch geschossen, aber der Hunger war größer, also rannten wir von Hauseingang zu Hauseingang Richtung Hermannplatz. Am Hintereingang der Bäckerei bekamen wir ein Brot, aber vor dem Haus gab es ein schlimmes Erlebnis: Auf der Fahrbahn saß ein deutscher Soldat, seine Beine waren zerschossen, langsam kam ein russischer Panzer und fuhr über den Soldaten. Wir beide standen hinter der Haustür und mussten zuschauen.

Die Front war immer in Bewegung, teilweise wurden die Russen zurückgedrängt. Am nächsten Tag war die Tellstraße voll mit SS-Verbänden und für alle Bewohner wurde Bohnenkaffee ausgeschenkt. Da die Sonnenallee im Bereich der Weiselstraße einen Knick macht, brauchten die großen Verbände der Russen volle 8 Tag, um an dem Knick vorbeizukommen. Aber irgendwann standen sie bei uns im Keller und schauten sich alle Frauen an. Zurück blieben nur alte Frauen und welche mit Kindern. Unser Hof wurde zur Feldküche eingerichtet. Wir Kinder bekamen Brot und Zwiebeln.

Nach einigen Tagen kam wieder etwas Ordnung in unser Leben. Eine Bäckerei musste auf Weisung der Russen sofort backen. An ein Aufräumen der Straßen war noch nicht zu denken. Die Toten und auch Leichenteile lagen überall herum. Meine Mutter stand in der sehr langen Schlange vor der Bäckerei nach Brot an. Ich spielte auf der Promenade in der Sonnenallee – und fand dort eine abgetrennte Hand. Ich nahm sie auf, weil sie so schön und sauber war. Damit rannte ich zu meiner Mutter und zeigte ihr die Hand. Ich will damit sagen, man hatte auch als Kind jeden Tag mit dem Tod zu tun.

Hermannplatz, 1948
Die Ruine des Karstadt-Kaufhauses am Hermannplatz in Neukölln. Foto: picture alliance/akg images
Irmhild Zinow
erlebte das Kriegsende am U-Bahnhof Potsdamer Platz
im Alter von neun Jahren
»Alle wollten raus aus dem Inferno«
Irmhild Zinow

D as Ende des Krieges erlebten wir in der Innenstadt. Dort hatte mein Vater Dienst als Soldat, Brückenkommando „Potsdamer Brücke“. Er holte Mutti und uns 3 Kinder in den U-Bahnhof Potsdamer Platz, wo wir in den abgestellten U-Bahnzügen lebten. Wie lange, weiß ich nicht mehr, man nahm es so hin. Normales Leben war das ja nicht. Wovon wir uns ernährten, ich weiß es nicht. Ich kann mich nur daran erinnern, dass wir ab und zu Rotwein zu trinken bekamen und leckerschmeckende Schokoriegel der Soldaten-Verpflegung. An den Geschmack der Riegel erinnere ich mich heute noch.

Irgendwann kam dann das Wasser. (Anmerkung der Redaktion: Vermutlich durch Deutsche Truppen wurde am 2. Mai 1945 der S-Bahntunnel unter dem Landwehrkanal gesprengt. Für die U-Bahn hatte dies Folgen: im Laufe der nächsten Stunden liefen auch einige U-Bahn-Tunnel voll) Panikartig drängten alle vorwärts den Tunnel entlang zu irgendeinem Ausstieg. Mutti hatte das Kleinkind vor sich in einem umgehängten Beutel sitzen, mich an der Hand. Meine Schwester hatte eine andere Frau an der Hand. Das Wasser stand uns bis zum Hals. Alle schubsten rigoros, am schlimmsten die Männer, auch die Soldaten. Meine Schwester wäre dort beinahe ertrunken. Viele Soldaten versuchten noch, sich die Uniformen auszuziehen, viele erschossen sich. Es war grauenhaft, alle wollten raus aus dem Inferno.

Potsdamer Platz, 1946
Auf dem Schwarzmarkt werden private Waren zum Tausch gegen Lebensmittel oder andere Dinge angeboten. Foto: Berliner Verlag/Archiv
Ernst Bittcher
erlebte das Kriegsende am Reichstag
im Alter von 17 Jahren
»Mein einziger Gewehrschuss«
Ernst Bittcher

W ir Luftwaffen-Helfer zogen uns in den rechten Flügel des Reichstags zurück. Die Fluchtburg Reichstag wurde nur im linken Flügel zur Festung, dort erreichte der SS-Obersturmführer Babick Barrikaden und feuerte aus Schießscharten. Mit uns im rechten Flügel – den auch Soldaten anderer Wehrmachtsteile aufsuchten – nahm Babick keine Verbindung auf. Wir konnten in diesem „Wartesaal“ machen, was wir wollten, herumlungern und Schnaps und Wein aus der Kroll-Oper trinken, die wir unter Einsatz des Lebens über den Königsplatz holten. Ich zog mich von dort her an die frische Luft in einen Splittergraben der früheren Baustelle nahe dem Reichstag zurück, schlief aber im Wartesaal.

In meinem Splittergraben erlebte ich Bemerkenswertes: gegen Mittag begann ein unvergleichliches Artilleriefeuer der Russen aus Kanonen und Stalinorgeln auf den Königsplatz und Reichstag. Selbst in unserem Wartesaal erzitterte das felsenfeste Mauerwerk, so dass wir in den Heizungskeller flohen. Als das Bombardement allmählich nachließ, standen zwei SS-Männer da, die mich „feiges Schwein“ in die Küche abführten. Fleißige Frauen schmierten dort Stapel von Klappstullen, die schön in zwei Blechkoffern verstaut wurden. Dann ging es durch die Kellertür ins Freie. Man zeigte mir den Weg über den Königsplatz zur Nordostecke des Innenministeriums. Dort im Keller warteten hungrige Soldaten. Unbehelligt von den sonst so gefährlichen russischen Scharfschützen erreichte ich mein Ziel. Zu Essen hatten die Soldaten nun genug, aber sie hatten großen Durst. Also erwartete man eine zweite Tour, die reibungslos verlief, wie schließlich auch die dritte, diesmal mit Panzerfäusten, gerade noch rechtzeitig.

Von der Moltkebrücke hörten wir einen Panzer anrollen. Zu dritt legten wir uns an ein Kellerfenster mit Blick auf die Moltkestraße auf eine schräge Schutthalde, der Panzerfaustschütze in der Mitte. Da hielt der Panzer schräg vor unserem Fenster an, schwenkte Turm und Rohr auf uns zu. Jetzt drücke mein Nachbar ab und traf. Als sich der Staub des Raketenabschusses um uns gesenkt hatte, hörten wir das Feuerknistern und Schreie aus dem Innern des Panzers. Dann erhob sich der Turmdeckel und der Oberkörper des Kommandanten erschien. Wie auf Kommando schossen wir mit unseren Karabinern, er sank nach vorn über zusammen. Das war mein einziger Gewehrschuss, den ich in diesem Krieg auf einen Menschen abgefeuert habe.

Reichstagsgebäude, 1945
Die Überreste des Berliner Reichstagsgebäudes. Im Vordergrund ist eine zerstörte Flak zu sehen. Foto: AP Photo/Henry Griffin
Werner Gollnick
erlebte das Kriegsende im Hotel Adlon
im Alter von zwölf Jahren
»Links und rechts Granaten«
Werner Gollnick

I ch war elf Jahre alt. Mit meinem Bruder, der drei Jahre älter war, schmiedete ich den Plan, dass wir uns zur Reichskanzlei durcharbeiten und uns dort als Freiwillige melden wollten. Wir waren sehr überzeugt. Unserer Mutter haben wir nichts gesagt. Wir wären wirklich gegangen, wenn mir das mit der Granate nicht passiert wäre.

Wir wohnten damals in der Meyerheimstraße in Prenzlauer Berg. Im April hieß es, dass in einem Laden bei uns um die Ecke noch Lebensmittel verteilt werden sollten. Mein Bruder und ich sind mit Taschen los. Ich wartete vor der Tür, als eine Granate relativ dicht neben mir einschlug. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Boden und konnte mich nicht mehr bewegen. Mein Bruder kam aus dem Laden raus und schrie mich an: Steh auf! Aber ich kam nicht hoch. Mein Bruder versuchte, mich wegzuziehen. Aber als er mich ein bisschen vom Boden gehoben hatte, sah er eine große Blutlache. Da hat er mich gleich wieder fallen gelassen.

Ich brauchte dringend ärztliche Pflege. Die einzige Möglichkeit gab es über die Waffen-SS, die in der Dunckerstraße eine Stellung hatte. Eine Krankenschwester aus unserem Haus stellte den Kontakt her. Zwei Leute wurden geschickt, die mich dort hinbringen sollten. Es war gerade Waffenruhe, aber wir schafften es nicht mehr rechtzeitig. Kurz davor schlugen auf einmal Granaten ein. Ich wurde mitten auf der Straße abgesetzt, sah, wie die Granaten links und rechts einschlugen, wie 300 Meter von mir entfernt ein ganzer Dachstuhl von oben abrutschte. Eine gewaltige Staubwolke. Angst hatte ich gar nicht. Irgendwie war ich sehr gefesselt von dem, was um mich herum passierte. Mir fiel auf, dass die Tauben unwahrscheinlich tief flogen.

Schließlich wurde ich doch noch bei der SS abgesetzt. Schrecklich, was ich sah: ein Mann mit einem zerschossenen Gesicht. Er lebte noch. Aber sie wussten nicht, was sie mit ihm machen sollten. Er wurde dann einfach erschossen. Von den eigenen Leuten. Mich legten sie in einen Kübelwagen. Ich sollte ins Hotel Adlon gebracht werden, dem Hauptverbandsplatz. Da sind noch Ärzte, hieß es. Zwei Hitlerjungen, beide vielleicht 17, 18 Jahre alt, sollten mich fahren. Der eine war der Fahrer, der andere hielt mich fest. Überall lagen Trümmer, der Fahrer musste immer lavieren, um durchzukommen. Links und rechts schlugen Granaten ein. Vom Hotel Adlon stand nicht mehr viel, nur noch die Vorhalle. Aber man kümmerte sich um mich. Etwa 200 Menschen waren in der Halle untergebracht. Rechts lagen welche wie ich auf Strohlagern und links in Betten. Ich musste auf die Toilette. Die Schwestern setzten mich einfach auf einen Nachttopf. Ich fiel aber damit um, deshalb mussten sie ihn festmachen. Vom Bauchnabel abwärts war alles wie tot bei mir.

In einem der Betten lag ein Nazibonze. Ein ganz hoher Tier, hieß es. Er schickte zwei Soldaten los, sie sollten seine Frau holen. Als sie kam, legte sie sich zu ihm ins Bett. Am nächsten Morgen ging sie wieder, und er erschoss sich. Als das Adlon brannte, zog mich eine Rot-Kreuz-Schwester auf einer Decke raus, auf der Schulter trug sie einen anderen Schwerverletzten. Die Russen waren mittlerweile da. Wir wurden dann in die Wittenauer Heilstätten gebracht. Da ich immer noch mein Hitlerjugend-Hemd trug, hielten sie mich für einen Nazi. Der Kommandeur wollte mich nach Sibirien schicken. Durch einen Zufall fand mich schließlich meine Mutter und holte mich raus.

Hotel Adlon, 1945
Die Ruine des Adlon-Hotels nach den Kriegszerstörungen. Foto: akg-images/Gert Schuetz
Ingrid Alf
erlebte das Kriegsende an der Karl-Marx-Allee
im Alter von neun Jahren
»Puddingpulver rettete uns«
Ingrid Alf

I rgendwann im April rückte die Sowjetarmee Richtung Innenstadt vor und wir kamen in die direkte Schusslinie der Stalinorgel. Wohin? Im Luftschutzbunker am Alexanderplatz unterzukommen war nicht möglich. In einem ausgebrannten Nachbarhaus waren die Keller noch voll intakt, aber noch nicht ganz ausgekühlt. Zirka 36 Grad Wärme herrschten in den Räumen. Frieren mussten wir also nicht. Die Strom- und Wasserversorgung war unterbrochen. Die wenigen Kerzen, die noch vorhanden waren, bogen sich in der Wärme. Sanitäre Anlagen waren nicht vorhanden. Die Bewohner des Hinterhauses beschlossen trotz allem, das Ende des Krieges dort abzuwarten. Ich glaube, wir verbrachten rund 14 Tage in der Kellerruine. Wenn es ganz in der Nähe eingeschlagen hatte und der Kalk von den Wänden rieselte, waren wir oft weiß wie Mehlsäcke.

Irgendwann gab es ein großes Holterdiepolter auf der Kellertreppe. Die RUSSEN kamen! War es am Tage oder nachts, ich weiß es nicht mehr. Mehrere standen bewaffnet und mit Taschenlampen ausgestattet vor uns und leuchteten jedem einzelnen ins Gesicht. Meine Mutter hatte meinen 2 1/2 jährigen Bruder auf dem Schoß. Es ist ja hinreichend bekannt, dass viele von den Frauen schwer vergewaltigt wurden. Meine Mutter war von den vielen seelischen und körperlichen Anstrengungen schwer gezeichnet. Wir hatten eine polnisch sprechende Frau mit im Keller. Sie konnte den Russen klarmachen, dass sie an TBC erkrankt sei. Das hatte man ihr auch abgenommen. Vor dieser Krankheit hatten die Russen einen Heidenrespekt. So blieb meine Mutter verschont. Endlich war nun unser Martyrium im Keller beendet.

Wir zogen wieder in die kleine Wohnung. Nur hatte sie kaum noch Glasscheiben in den Fenstern. Die Wohnungstür schloss nicht mehr. Aber alles andere war noch vorhanden. Wir konnten in den Betten schlafen. Endlich durchschlafen!!! Keine Sirene, kein Beschuss. War das ein Genuss.

Wenn es auch unter strengen Strafen verboten war, begannen jetzt die Plünderungen. Es ging ja schließlich ums Überleben. Der Hunger war groß. In einem verhältnismäßig unbeschädigten Haus in der Marsiliusstraße befand sich ein kleines Lebensmittelgeschäft. Es sprach sich schnell herum, dass dort im Keller noch viele Kartons mit Puddingpulver lagerten. Meine Mutter nichts wie hin. Auch sie erbeutete einige von ihnen. Das Puddingpulver mit Mandel- und Vanillegeschmack rettete uns quasi das Leben. Zwar wurde es nur mit Wasser und Salz gekocht. Der Geschmack war scheußlich. Nase zugehalten und runtergeschluckt.


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