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Bewegen Sie die Karte und erkunden Sie Berlin 1989

Brandenburger Tor
Potsdamer Platz
Dreilinden
Alexanderplatz
Kurfürstendamm
Oberbaumbrücke
1989
heute

Die Narbe der Stadt

1989 und heute – Was von der Mauer geblieben ist:
Entdecken Sie Berlin aus der Luft und wandern Sie mit uns auf dem Mauerweg
Von Uta Keseling

Wanderung starten
Quelle: Geoportal Berlin / Luftbilder 1989, Stand: 25. April 1989. © Mapbox © OpenStreetMap

Wannsee – Glienicker Park

Aufbruch in ein Land namens Vergangenheit

Tag 1, an dem ich mich in Dreilinden noch einmal ins Abenteuer stürze und abends ein Schiff verpasse

E in Abenteuer, so hatte ich mir das vorgestellt. Eine Reise ins Niemandsland. Einmal quer durch die Stadt raus bis ganz an den Rand und wieder zurück. Eine Wanderung auf den Spuren der Berliner Mauer: Zu Menschen, deren Leben die deutsche Teilung bestimmte. An Orte, die aufgeladen sind mit Geschichte. Vorbei an den geteilten Seen und verbotenen Schlössern von einst. Über 167 Kilometer zerriss der Todesstreifen die Stadt. Er hinterließ eine Narbe, die nur langsam verheilt. Wie geht es Berlin heute, 25 Jahre nach dem Mauerfall? Höchste Zeit, einmal nachzusehen.

Reporterin Uta Keseling (48) war zehn Tage mit dem Fahrrad auf dem Berliner Mauerweg unterwegs. Seit 1987 lebt sie in Kreuzberg, berichtet seit 20 Jahren für die Berliner Morgenpost

Zum Start meiner Wanderung bin ich nach Dreilinden gefahren. An den Ort, wo bis 1989 meine meisten Reisen begannen. Der Grenzübergang war der größte der Stadt. Er lag an der Autobahn Richtung Hannover. Im Sommer mussten die West-Berliner hier oft stundenlang warten. Die Kontrollen auf DDR-Seite waren penibel und oft schikanös.

Wir West-Berliner Studenten nutzen das aus. Am Grenzübergang hielten wir Pappschilder hoch: „München“ oder „Frankfurt“ stand darauf, oder auch gleich: „Italien“. Italien! Manchmal hielt tatsächlich ein Lkw, der bis ans Mittelmeer fuhr.

Wer nach West-Deutschland wollte, musste hier durch: Dreilinden war der größte Grenzübergang von West-Berlin
Heute steht das Areal des Grenzübergangs an der A 115 weitgehend leer - und unter Denkmalschutz

Jetzt sitze ich allein auf der Leitplanke. Die Grenzgebäude stehen noch, doch sie sind weitgehend leer. Nur im Zollamt arbeiten noch Männer an Resopal-Schreibtischen, die aussehen, als habe man sie zusammen mit dem gesamten Areal unter Denkmalschutz gestellt.

Errichtet wurden die Gebäude in den 60er-Jahren. Sie haben runde Formen und leuchtende Farben. Doch das fröhliche Rot-Gelb-Blau konnte nie darüber hinwegtäuschen, was auf der anderen Seite der Grenze folgte: erst ein russischer Panzer auf einem Sockel und dann ein Land, das seine eigenen Bürger einsperrte und auf sie schoss, nur weil sie dasselbe wollten wie wir – reisen. In mir kriecht die Beklommenheit von damals hoch. Zweieinhalb Stunden dauerte die Fahrt bei Tempo 100 über die Transitstrecke nach Helmstedt. Außer an den Raststätten durfte man die Autobahn nicht verlassen.

Den Panzer vom Modell T34 stellte die Rote Armee als Siegessymbol auf. Bei ihrem Abzug nach der Wende nahmen ihn die russischen Militärs mit
Die rosafabene Schneefräse steht da, wo am Grenzübergang Dreilinden einst der russische Panzer die Besucher der Transitstrecke durch die DDR begrüßte

Diesmal bin ich mit dem Fahrrad da. Mein erstes Ziel ist der Wald rund um die Grenzweiler Dreilinden und Drewitz. Was war zwischen all den Zäunen? Ich verirre mich auf dem Grenzgelände zwischen Leitplanken und Stacheldraht. Statt im Wald lande ich auf dem einstigen Lkw-Warteplatz. Hier stehen jetzt große Wohnwagen und glänzend polierte Autos. Ein Campingplatz? Ich erfahre es nicht. „Runta vom Jelände! Könnse nich lesen!“, brüllt mich ein Mann an. Als ich zurückweiche, kommt eine Frau hinterher: „Sie flieht!“ Bevor ich begreifen kann, was das Geschrei soll, tue ich genau das: Ich fliehe über den erstbesten Weg. Die Beklommenheit von einst wirkt offenbar noch. Immerhin bin ich jetzt endlich im Wald.

Und stehe direkt vor dem nächsten Problem. Ein gewaltiges Pferd grast auf dem Weg. Von irgendwo hallen außerdem Schüsse. Was, zum Teufel...

Als ich schließlich auf einem Baumstumpf sitze und übers Handy nach Aufklärung google, muss ich über mich selbst lachen. Der unwirtliche „Campingplatz“ ist offenbar der Stellplatz eines Vereins. Geschossen wird auf einem offiziellen Schießplatz im Wald. Und das dicke Rückepferd ist eine Mitarbeiterin des Forstamtes. Irgendwie hatte ich mir den Mauerweg anders vorgestellt. Aber was habe ich denn erwartet?

Mauer und Todesstreifen

Der Mauerweg: Schon 1990 wurden die geteerten Postenwege diesseits und jenseits des Todesstreifens zum Geheimtipp für Spaziergänger und Radler. Doch jahrelang musste sich jeder Besucher den Weg selbst suchen. Erst ab 2006 ließ die Berliner Politik Schilder aufstellen. Den einen galt die Mauer nur als störendes Bauwerk, das möglichst schnell abgeräumt werden sollte. Andere wollten vor allem die Erinnerungen loswerden – auch an die mindestens 138 Menschen, die an den Grenzanlagen in Berlin getötet wurden. In der DDR wurde der Tod von Flüchtlingen systematisch geleugnet. Heute leuchten orangefarbene Stelen wie Warnsignale im Wald. Sie erinnern an die Toten.

Tote an der Mauer
An Menschen wie Christian Buttkus, der an einem verschneiten Märzabend 1965 hier mit seiner Verlobten über die Grenze fliehen wollte. Sie hatten sich mit weißen Kitteln tarnen wollen, doch das misslang. Ilse P. wurde gefasst, ihr Verlobter Christian Buttkus, 21 Jahre alt, starb noch auf dem Mauerstreifen. 199 Schüsse haben die Grenzer auf ihn abgegeben, 25 trafen. Die Grenzer schafften seinen Leichnam zunächst in den Sperrgraben, damit er vom Westen aus nicht gesehen werden konnte. Buttkus’ Verwandten wurde „nahegelegt“, von dessen Tod nur als Unglücksfall zu berichten.

Zwei Radfahrer stoppen bei mir und der Tafel. Ob ich englisch spreche und übersetzen kann? Sie sind Touristen. Sie haben von historischen Orten hier im Wald gehört. Wir holpern gemeinsam einen Hügel hinunter und stehen auf einem Stück zugewucherter Autobahn unter einer bunt besprühten Bahnbrücke im Nichts. Etwas später finden wir eine verfallene Baracke mit der Aufschrift „Raststätte Dreilinden“. Sie gehörte zum ursprünglichen Grenzübergang, der 1969 mitsamt der Autobahntrasse der A115 verlegt wurde. Im rissigen Teer sieht man noch die Beschriftung der Wartespuren: „PKW“ und „LKW“.

Die Briten wundern sich, dass die Stadt die Erinnerungsorte einfach so zuwachsen lässt. Was sagt das aus über Berlins Verhältnis zu seiner Vergangenheit? Ab wann wird überhaupt aus Gegenwart Geschichte? Sind 25 Jahre genug? Die beiden geben mir einen interessanten Satz mit auf den Weg: „The past is a foreign country“. Die Vergangenheit ist ein fremdes Land: Es ist das Zitat eines britischen Autors, doch es passt gut zu meiner nächsten Entdeckung.

Ich passiere das Dorf Dreilinden und stehe schließlich auf dem Gelände der gigantischen Abfertigungshallen des DDR-Grenzübergangs Drewitz. Von den Anlagen steht heute nur noch ein Wachturm zwischen all den neuen Geschäftshäusern und Hotels, als habe ihn jemand vergessen. Unter anderem hat Ebay hier seine Deutschland-Zentrale. Neben dem Wachturm wirbt ein großes Schild Richtung Autobahn: „Europarc – sehen, verlieben, bleiben“.

Ich bleibe nicht, sondern suche die Richtung nach Potsdam, wo die Mauer kilometerlang am Ufer verlief. Am Griebnitzsee erinnern ein paar frisch gestrichene Mauerstücke daran. Dann muss ich abrupt bremsen. Jemand hat eine Hecke quer über den Weg gepflanzt. Oder habe ich mich schon wieder verfahren? Ich schaue mich um. Oben am Hang große Villen, menschenleer. Als sich hinter der Hecke etwas bewegt, schrecke ich zusammen. Ein Rasenmäher-Roboter. Er kann mir nicht erklären, was das Hecken-Hindernis soll.

Am ehemaligen Grenzbahnhof Griebnitzsee erfahre ich mehr. In dem Klinkergebäude aus den 30er-Jahren mit der altmodischen Aufschrift „Erfrischungshalle“ entdecke ich ein modernes Deli. Die Gäste erzählen von einem erbitterten Streit um den Uferweg. Hat die Öffentlichkeit ein Anrecht darauf? Oder haben die Anlieger recht, die das Ufer für sich beanspruchen. Plakate hängen in vielen Fenstern: „Uferweg für alle“. Allerdings nur in der zweiten Reihe.

Ich erinnere mich, wie bis 1990 die Züge nach West-Berlin hier abgefertigt wurden, bevor sie nach Grunewald weiterfuhren. Die Gebäude waren gesperrt, die Bahnhofsgaststätte diente als Kantine der Grenzer. Das erzählt mir die Deli-Inhaberin, eine sympathische blonde Frau. Sie ist in der DDR aufgewachsen.

Ostalgie am Griebnitzsee

Ich frage sie nach einem Graffiti neben dem Bahnhof: „DDR – Heimat im Herzen“ steht an einem Elektrokasten. Das sei keine höhnische Schmiererei, sagt sie, sondern Ausdruck der Sehnsucht. Denn mit der Mauer ging ja nicht nur ein politisches System unter. Es verschwand auch eine Alltagswelt aus geliebten Gegenständen, Gerüchen und Geräuschen. Und ein soziales System, das manche im Rückblick gerechter empfinden. Auch wenn sie persönlich die DDR nicht wieder zurück haben wolle, sagt die Wirtin – „die Sehnsucht nach der Heimat DDR kenne ich gut“.

Andererseits, sagt ihr junger Mitarbeiter, wachse jetzt eine Generation heran, die freier sei als alle vorangegangenen. Auch sein Sohn gehört dazu. Der Mann stammt aus Südafrika, wo der Mauerfall indirekt auch zum Sturz des Apartheid-Regimes beitrug. Dort, so erzählt er uns, heißen die nach dem Umsturz geborenen Kinder „Bornfrees“: die frei Geborenen.

Darüber denke ich nach, als ich an einem bekannten Symbol des Kalten Krieges stehe, der Glienicker Brücke. Einen Moment rätsele ich über die Vorhängeschlösser, die genau da auf der Brückenmitte angebracht sind, wo die Grenze verlief. Einst tauschten hier Ost und West ihre Spione aus, jetzt hängen hier Symbole der Liebe. Dafür stehen die Schlösser – wie an vielen Brücken der Welt. Unter mir kreuzen Ausflugsschiffe und Party-Flöße.

Bis 1989 war die Glienicker Brücke zwischen Berlin und Potsdam gesperrt. Im Kalten Krieg wurden hier Agenten ausgetauscht
Die Glienicker Brücke ist heute Touristen-Ziel, darunter kreuzen Sportboote und Spaß-Flöße

Eigentlich hatte ich vom Glienicker Park noch das Wassertaxi nehmen wollen nach Italien. Also, nach Sacrow, wo ein Renaissance-Kirchlein terrakottafarben im Abendlicht leuchtet. Aber das Boot kommt nicht. So setze ich mich zu einem älteren Paar auf eine Bank. Sie füttern Krähen.

„Krähen sind wunderbare Tiere, sie handeln vorausschauend“, sagt sie, und er: Wo ich hinwolle? „In die Berliner Vergangenheit.“ – „Fragen Sie doch mich! Ich habe den Krieg erlebt, den Mauerbau und ihren Fall“.

Manfred Rettig, 79, war Polizist in West-Berlin. Sein ganzes Leben hat er Dienst getan an der Mauer. Am Reichstag, in Kreuzberg, in der West-Berliner Enklave Eiskeller im Norden. Drei Menschen hat er auf der Flucht sterben sehen. Er erzählt lange, während wir gemeinsam aufs Wasser schauen. Er sagt, dass das Erzählen ihm wichtig sei. „Früher dachte ich, ich sei ein harter Hund. Aber ich träume noch heute davon.“

Der ehemalige West-Berliner Polizist Manfred Rettig hat drei Menschen auf der Flucht sterben sehen

Seit den 70er-Jahren wohnen die Rettigs in Steinstücken, das bis 1989 eine West-Berliner Enklave war. Nur eine Straße führte hinein, rechts und links standen die Mauer und ein Wachturm direkt vor ihrem Schlafzimmerfenster. Aber sie nahmen es hin, sagt der Polizist. „Wegen der Brieftauben. Ich war Züchter, das ging nur am Stadtrand. Und die Vögel konnte die Mauer ja nicht aufhalten.“


Glienicker Park – Staaken

Von der Macht der Symbole

Tag 2, der mich erst nach Italien und dann in ein doppeltes Dorf am geteilten See führt

A uf Fotos aus DDR-Zeiten sehen die Potsdamer Seeufer aus, als läge dort Schnee. Das Helle war aber nur die Mauer, die sich kilometerlang an Havel- und Seeufern hinzog. Sie zerriss auf obszöne Weise die Kulturlandschaft, die hier seit preußischen Zeiten gewachsen war. Inseln und Parks, Schlösser und Kirchen sollten übers Wasser und durch weite Sichtachsen optisch miteinander „spielen“. Die Natur als Repräsentationsraum – die Machthaber der DDR setzen darin bewusst ihre eigenen Zeichen.

Diese Bilder habe ich im Kopf, als ich am Morgen auf der BVG-Fähre von Wannsee nach Kladow stehe. Aber heute sieht man dort nur noch Segelschiffe, Ausflugslokale und Strandpromenaden. Am Abend zuvor habe ich das Warten aufs Wassertaxi aufgegeben und bin nach Hause gefahren nach Kreuzberg. Der Mauerweg ist zwar gut ausgeschildert und erschlossen – aber Herbergen am Wegesrand wie etwa an Pilgerwegen gibt es nicht. Dafür ist der Weg mit Bussen, Bahnen und manchmal sogar Schiffen von der Innenstadt gut erreichbar.

Von Kladow will ich mit dem Rad weiter nach Sacrow, wo der streng religiöse Friedrich Wilhelm IV. im 19. Jahrhundert ein romantisches Kirchlein auf eine Halbinsel ans Ufer gesetzt hat. Die Heilandskirche sollte an ein Schiff erinnern, das geborgen im Hafen liegt, gut sichtbar von Ausflugsschiffen und der gegenüberliegenden Pfaueninsel. Nach 1961 trennte die Mauer die Kirche von der restlichen Welt. Sie verlief direkt hinter dem Gebäude und kehrte so die Idee von der Geborgenheit ins Gegenteil. Ihr Innenraum wurde zerstört.

Die Heilandskirche steht seit 1844 in Sacrow am Ufer wie ein Schiff im sicheren Hafen

Es dauert, bis ich die Kirche finde. Auf Kladow folgt erst Wald, dann das Dorf Sacrow. Endlich spitzt der gestreifte Campanile durch die Wiesen. Das Kirchlein im italienischen Stil weckt Sehnsucht nach Süden, nach Rom, der Antike. Es funktioniert. Die Arkaden leiten den Blick zur azurblauen Havel. Mehr Italien geht nicht in Berlin.

Das Kirchlein hat sogar eine Piazza, von der ein großes Kreuz seine Botschaft verkündet. Auf den Bänken darunter hält eine Gruppe grauhaariger Radfahrer Siesta. Sie reden und lachen und sehen glücklich aus wie Schulkinder beim Wandertag. Vielleicht glücklicher.

Seit mehr als 50 Jahren sind sie befreundet, erzählt mir einer der Radtouristen. Er ist Jurist und kommt aus Westfalen. Die einen waren katholische Studenten in Köln, die anderen in Leipzig. Als die Mauer gebaut wurde, suchten die Kölner Katholiken Kontakt zu den Leipzigern. „Wir fanden, es müsse über die Mauer hinweg etwas geben, das die jungen Menschen verbindet.“ Damals war es der katholische Glaube, der sie verband. Heute ist es die Freundschaft, die all die Jahre gehalten hat. „Einmal im Jahr treffen wir uns.“

Der Rückweg führt vorbei an Fischerhütten, Badestellen und an einer Dorfgärtnerei in einem bunten Dahlienmeer. Beinahe hätte ich geschrieben: Hier ist die Welt zu Ende, wenn es nicht bis 1989 bittere Wahrheit gewesen wäre. Die Anwohner von Sacrow mussten dem System genehm sein, sonst wurden sie umgesiedelt. Wer hierher wollte, brauchte einen Passierschein. Immer wieder versuchten Menschen, bei Sacrow in den Westen zu fliehen. Die Mauer wurde scharf bewacht.

Tote an der Mauer
Der 21-jährige Lothar Hennig starb in einer Novembernacht des Jahres 1975 auf dem Nachhauseweg. Als er abends aus dem Bus ausstieg, traf ihn ein Geschoss von hinten. Was genau sich abgespielt hat, wurde nie geklärt. Fest steht, dass Hennig in der kalten Nacht zwar schnell lief – jedoch nicht zur Grenze, sondern in die entgegengesetzte Richtung. Er wollte nach Hause. Laut Grenzposten hat ihn ein Warnschuss versehentlich getroffen.

Von Sacrow führt der Mauerweg nach Groß Glienicke durch tiefen Wald. Als ich ankomme, studiere ich einen Moment verwirrt die Karte. Offenbar gibt es an diesem Ort alles doppelt. Eine Straße namens „Seepromenade“ (links) und eine „Uferpromenade“ (rechts). Links heißt der Ort Groß Glienicke, rechts Groß-Glienicke mit Bindestrich. Außerdem führt eine gestrichelte rote Linie längs durch den See – die einstige Grenze. Schließlich halte ich einem Mann an einer Bushaltestelle die Karte hin. Wo bin ich genau? „Sie sind im Westteil, also im ehemaligen Osten, verstehen Sie?“ Er deutet auf die Villen am Ufer. „Da lebten Bonzen, Politiker und Schauspieler. Normale Leute durften hier nicht hin.“

Zu DDR-Zeiten verlief die Mauer auf dem Rittergut Glienicke durch ein Haus
Zum Mauerfall-Jubliläum wird der Mauerstreifen dort zum Erinnerungsort gemacht

Ich bin also in dem Teil des Ortes, der zur DDR gehörte. Der liegt auf der westlichen Seite des Sees. Die östliche Hälfte gehört seit 1945 zu Berlin-Kladow. Das Ostufer galt zu Mauerzeiten als Bade-Geheimtipp für West-Berliner. Am anderen Ufer drohte jedem der Tod, der es wagte, die Grenze zu betreten.

Grenzanlagen am Fort Hahneberg bei Staaken. Im Hintergrund die Hochhäuser von Spandau
Gewitterwolken über den Hügeln am Fort Hahneberg bei Staaken. Das Fort war zu Mauerzeiten gesperrt

Daran erinnern die Mauerreste vor dem Rittergut Glienicke. Die Betonelemente und ein Stück Streckmetallzaun stecken in einer grünen Wiese am Ufer wie Fremdkörper. Das verwitterte Backsteintor dahinter sieht aus, als seien die letzten Schüsse des Krieges eben gefallen. Viel ist von dem Rittergut nicht übrig. Es wurde im Krieg größtenteils zerstört.

Über mir donnert es und wetterleuchtet es. Ich will den Grenzübergang Staaken noch schaffen, auch wenn es jetzt über den Rieselfeldern stürmt. Am Horizont entdecke ich die Hochhäuser von Spandau. Ich kreuze zwischen Birnenweg, Feldweg, Schafen und Pferden, schließlich stehe ich am Abzweig zum Fort Hahneberg. Der Rundblick von oben wird sehr gelobt, doch jetzt explodieren da dunkelblaue Wolken. Ich trete blind in die Pedale. Halte auf Lichter zu, die ich vor mir sehe. Eine Straße. Wo bin ich? Der Supermarkt, unter dessen Vordach ich mich schließlich rette, steht auf dem Areal des einstigen Grenzübergangs Staaken.


Staaken – Hennigsdorf

Was es zu bewachen galt

Tag 3, an dem ich von Menschen höre, für die der Todesstreifen das Leben bedeutete

D er Mauerweg macht mit mir an diesem Morgen keine Kompromisse. Zwar strahlt die Sonne wieder, doch bevor ich am ehemaligen Grenzübergang Staaken richtig losgelaufen bin, stehe ich schon vor einem großen Holzkreuz: „Dieter Wohlfahrt, geboren 1941 -“, ich ertappe mich bei dem Gedanken, einfach nicht weiterzulesen. Unerbittlich erzählen die Kreuze und Stelen des Mauerwegs ihre Geschichte vom Töten und Sterben, während rundherum der Alltag seinen Gang geht. Nicht immer ist das leicht zu ertragen. Aber es wirkt.

Auf dem einstigen Todesstreifen steht in Staaken heute ein buntes Altenheim. Auf der anderen Straßenseite mäht ein älterer Herr Rasen.

Tote an der Mauer
Dieter Wohlfahrt wurde 20 Jahre alt. Er ist nicht als Flüchtling gestorben. Er durfte zwischen Ost- und West-Berlin wechseln, er hatte einen österreichischen Pass. Er war Fluchthelfer. Am 9. Dezember 1961 wollte er einer Frau helfen, aus Staaken zu ihrer Tochter nach West-Berlin zu gelangen. Doch er wurde verraten und an der Grenze angeschossen. Zwei Stunden lag er sterbend auf dem Grenzstreifen. Weder DDR-Grenzer noch West-Berliner Polizei griffen ein.

Die Mauer teilte eine Auenlandschaft, die auf Spandauer Seite durch Hochhäuser begrenzt wird. Auf der anderen Seite ahne ich Fachwerkhäuser. Ich erinnere mich an eine Besonderheit von Staaken, die heute extrem kompliziert klingt: Seit 1990 gehört der westliche Teil, der zur DDR gehört hatte, zu Berlin.

Also wie war das? Und wo war die Grenze?

Ich lehne mein Fahrrad an den Zaun einer alten Dorfkirche mit hölzernem Turm. Im Kirchenbüro sind sie erstaunlich wenig überrascht über meine Fragen. Sie stellen nämlich gerade dieselben – zum 25. Jahrestag des Mauerfalls soll die Staakener Geschichte noch einmal erzählt werden. Denn die ist etwas Besonderes.

In der Dorfkirche auf DDR-Seite kamen im Mai 1989 hunderte wütende DDR-Bürger zusammen. Der hiesige Pfarrer prangerte die Wahlfälschungen bei den Kommunalwahlen öffentlich an. Proteste wie diese brachten in der DDR den Stein ins Rollen, der zum Fall der Mauer führte.

Die Dorfkirche in Staaken stand auf dem Mauerstreifen. Im Frühjahr 1989 gab es hier Proteste
Jahre danach soll die Geschichte der Kirche und des geteilten Ortes noch einmal erzählt werden

Claudia Kusch ist eine Nachfolgerin des damaligen Pfarrers. Sie erzählt mir von den Zeiten, als die Kirche im Sperrgebiet lag. Der Eingang an der Straße war offen, aber nur der Pfarrer durfte um das gesamte Gebäude herumgehen. Fotos waren verboten. Im West-Berliner Teil des Ortes wurde 1966 eine neue Kirche gebaut, die den optimistischen Namen „Zuversichtskirche“ erhielt. Heute gehören beide Kirchen zur selben Gemeinde.

Die katholische Kirche von Staaken gibt es dagegen nicht mehr. Sie stand ein paar Straßen weiter auf dem Mauerstreifen und wurde 1987 komplett abgerissen. Als ich weiterfahre, finde ich an ihrer Stelle nur eine Wiese mit einem Partyzelt darauf und einer Erinnerungstafel am Zaun.

Ab Spandau führt der Mauerweg über Sandhügel und durch Wald, den es bis 1989 nicht gab. Ich lausche der Stille und den Vögeln, bis mir doch etwas seltsam vorkommt. Die Betonpfähle zwischen den Bäumen sind Reste des Hinterlandzaunes. Und die Hügel sind linker Hand seltsam abgeschnitten wie Dünen am Meer. Nicht Wellen, sondern Soldaten haben sie planiert. Für ein besseres Sicht- und Schussfeld. Von der Mauer um die West-Berliner Enklave Eiskeller sieht man heute nichts mehr.

Am Havelufer von Nieder Neuendorf wäre ich fast am Wachturm vorbeigefahren, der sich heute zwischen Kleingärten und Einfamilienhäusern versteckt. Eine Ausstellung schildert hier die Arbeit der Grenzsoldaten. Deutsch-deutsche Geschichte aus Tätersicht – ich hatte davon schon gelesen und es hatte mich misstrauisch gemacht. Will man sich wirklich in Soldaten hineinversetzen, die auf friedliche Zivilisten zielen?

Die Mauer verlief wurde in Nieder Neuedorf scharf bewacht. Gegenüber liegt der Berliner Stadtteil Heiligensee
Am Wachturm in Nieder Neuendorf ist ein Platz dem Gedenken der Maueropfer gewidmet

Der Wachturm ist ein sogenannter „B-Turm”, von dem 18 weitere Wachtürme befehligt wurden. Durch das Sichtfenster schaue ich von oben auf die Ausflugsdampfer der Havel. Bunte Radtouristen ziehen über den einstigen Postenweg. Auf dem Dach hatte der Turm einen Richtscheinwerfer, im Untergeschoss eine Arrestzelle für Gefangene.

Die Ausstellung im Turm kommt ohne moralisierenden Ton aus. Die Sammlung spricht für sich. Ich lese Dokumente von Todesschützen, die belohnt und befördert wurden. Und von Wachhabenden, die sich gegenseitig bespitzeln mussten. Das Absurdeste aber sind die Gedichte der Grenzsoldaten.

„Komm ich am Abend nach Hause seh’ ich meinen B-Turm stehen. Glied in einer starken Kette. Ich kann ruhig schlafen gehen.“

„Auf dem Posten“ lautet der Titel des Buches mit Gedichten wie diesen, die in einer Vitrine ausgestellt sind. Poesie von Grenzsoldaten der NVA, 1983 erschienen.

Unter den Menschen, die diesen Turm heute besuchen, sind viele ehemalige Grenzsoldaten, berichten mir die Mitarbeiter der Ausstellung. Viele tun sich schwer mit ihrer Vergangenheit. Andere aber kommen wegen der seligen Erinnerung an Kommiss, Kameradschaft und Sozialismus. Viele haben den Museumsleuten den tristen Alltag in den Wachtürmen geschildert, die meist weder Toiletten noch Heizung hatten, in die es hineinregnete und zog. Wenn der Planwirtschaft der Fensterkitt ausgegangen war, wurden undichte Fenster mit Käse abgedichtet.

Im Gästebuch findet man auch Einträge von Geflohenen. Der ehemalige Hennigsdorfer Reinhard S. zum Beispiel. „Beim letzten Mal, als ich hier war, hat man nach mir geschossen, am 2. Mai 1966. Jetzt lebe ich glücklich in Australien.“

Reinhard S. ist damals durch die Havel geschwommen, ganz in der Nähe des Turms. Beim einem ersten Versuch wurde er festgenommen, beim zweiten Mal schossen die Grenzer hinter ihm her. Aber er schaffte es. Der Wirt einer Gaststätte am anderen Ufer gab dem Flüchtling trockene Kleider und ließ ihn im Gastraum übernachten. Als Reinhard S. am nächsten Morgen aufwachte, glaubte er, er habe seine Flucht nur geträumt. Doch er war tatsächlich in Heiligensee, West-Berlin.

Der Wasser-Grenzübergang bei Nieder-Neuendorf vor 1989
Ein Sportboot fährt über den See bei Nieder Neuendorf

Solche und andere Geschichten können die Museumsmitarbeiter erzählen, von denen viele Hennigsdorfer sind. Ein Helfer, 62 Jahre alt, erinnert sich sogar an einen Offizier des Wachturms, der noch monatelang täglich den Todesstreifen harkte. „Der konnte einfach nicht glauben, dass es mit der DDR vorbei war.“

Als ich wieder auf dem Radweg bin, kommt mir eine Gruppe junger Leute entgegen. Eine Frau ruft den anderen zu: „Da drüben war der Westen!“ und deutet nach Osten, nach Heiligensee. Noch versteht diese politische Geografie jeder. Aber wie lange noch?

Auf dem Weg zum S-Bahnhof kehre ich kurz zurück in die DDR. Ich passiere die Schlote und Fabriken von Hennigsdorf. Das Stadtbild atmet mit seinen Plattenbauten und Plätzen bis heute den „Arbeiterstolz“, allen Gewerbegebieten und Fast-Food-Ketten zum Trotz. Das Gymnasium heißt nach dem russischen Nationaldichter Puschkin, das „Stadtklubhaus“ ist bis auf die sozialistischen Symbole geblieben, wie es war. Die Hennigsdorfer Stahlindustrie war für die DDR überlebenswichtig. Diese Welt war es, die die Grenzer zu beschützen glaubten.


Hennigsdorf – Glienicke/Nordbahn

Eingeschlossen: Leben ohne Notausgang

Tag 4: Von der Flucht eines Teenagers, einem Paradies auf vergiftetem Boden und dem Leben in der Enklave Entenschnabel

J edes Mal, wenn ich mit dem Auto Richtung Hamburg fahre, frage ich mich in Heiligensee: Wo war eigentlich der Grenzübergang? Man sieht nur Schallschutzwände und Bäume. Auch am Mauerweg erinnert nur eine Stele an den Übergang. Ansonsten: Autos und Bäume. Irgendwann wird der Mauerweg einfach nur noch ein Radweg sein. Aber selbst dann wird er einmalig bleiben, denn fast überall erzählt der Stadtrand davon, wie Berlin wurde, was es ist. So auch etwas weiter, in Frohnau.

Dort stehen Mietshäuser rund um eine große, parkartige Rasenfläche mit einladenden Bänken. Rundherum leuchten Geranien von den Balkonen. Ein bisschen hat die Siedlung etwas von einem britischen College, aber die Rollstuhlrampen an den Eingängen erzählen eine andere Geschichte. Dies ist die Invalidensiedung. 1938 wurden die Bewohner des Invalidenhauses in Mitte an den Stadtrand nach Frohnau verlegt – nicht unbedingt zur Freude aller Bewohner, die sich abgeschoben fühlten. Zu DDR-Zeiten trennte auch noch die Mauer die Siedlung vom brandenburgischen Nachbarort Hohen Neuendorf. Heute kommt man immerhin zu Fuß wieder dorthin.

Tote an der Mauer
1980 starb hier die 18-jährige Marienetta Jirkowsky aus Spreenhagen. In einer Novembernacht war sie mit zwei Freunden mit der S-Bahn nach Hohen Neuendorf gekommen. Eigentlich wollten sie das Grenzgebiet hier nur auskundschaften, doch dann konnten sie zwei Leitern entwenden und wagten die Flucht sofort. Die beiden Männer waren schon auf der Mauerkrone, doch als sie versuchten, Marienetta an den Händen hochzuziehen, fiel das Mädchen, von Schüssen getroffen, nach unten. Sie starb wenige Stunden später im Krankenhaus.

Eine 18-Jährige riskiert ihr Leben, lässt Freunde und Familie zurück, um ein neues Leben zu beginnen. Warum? Marienetta war wohl ein typisches Mädchen der 70er-Jahre. Ein bisschen verwöhnt, ein Einzelkind, das gleich zwei Zimmer im Elternhaus bewohnte. Und dem die Welt dennoch zu eng wurde.

Nach ihrem Tod verbreiteten Stasi-Spitzel die Geschichte eines aufsässigen Teenagers, der einem Trunkenbold blind in den Westen gefolgt war. Selbst Marienettas nächste Angehörigen glaubten schließlich daran. Noch 2009, als in Hohen Neuendorf ein Platz nach Marienetta benannt wurde, gab es Proteste: Es sei kein Verdienst, an der Mauer gestorben zu sein. Fünf Jahre ist das her. Propaganda ist ein Gift, das lange wirkt.

Eine Leiter steht an der Mauer in Hohen Neuendorf - die Stasi stellte die Fluchtszene 1980 für ihre Akten nach
Blumen erinnern an Marienetta Jirkowsky. Sie wurde 1980 in Hohen Neuendorf auf der Flucht erschossen

Ich habe die Geschichte noch im Kopf, als ich bei Hohen Neuendorf schon wieder vor einem Wachturm stehe. „Deutsche Waldjugend“ steht daran. Ich schaue neugierig in einen blühenden Garten rund um den Turm. „Was wollen Sie hier?“ Die Stimme ist barsch, doch als ich mein Anliegen erkläre, öffnet der Mann mir freundlich die Tür. Ein Imker, er hat Bienen hier und zeigt mir gern den großen Lehrgarten und den Turm.

Der Wachturm bei Hohen Neuendorf ist heute ein Idyll der Deutschen Waldjugend

Eine Biologielehrerin hat den Turm – offiziell die „Führungsstelle Bergfelde“ – kurz nach dem Mauerfall von den Grenztruppen geschenkt bekommen. „Damals war vieles möglich“, der Imker lächelt. Mit Anwohnern und Jugendlichen hat die Lehrerin den Todesstreifen neu bepflanzt. Ich besichtige einen Obstgarten, das Insektenhotel und den Krötenteich und stehe plötzlich vor einem mit langen Dornen besetzten Drahtgestell, groß wie ein Bett. Was ist das? „Ein Kind ist im Wald hineingetreten“, sagt der Imker. Eine „Fakirmatte“, die Menschen an der Mauer verletzen und aufhalten sollte. Jetzt steht sie hier, um nicht zu vergessen, auf welchem Boden dieser Garten entstand.

Würde man ein Bild suchen, das die ganze DDR in einem Motiv erzählt: Ich würde ein Foto von der Siedlung „Entenschnabel“ wählen. Ein paar winzige Satteldachhäuschen drängen sich zusammen wie eine Herde Schafe. Sie sind umgeben von einer weiten Fläche aus Sand oder Schnee, je nach Jahreszeit. Über die Dächer ragen gigantische Laternen. Das seltsame Ensemble ist umgeben von einem Wannenrand aus Beton, der den Eindruck verstärkt, dies sei ein Modell, das man einfach so wegtragen kann.

Die Häuser der DDR-Enklave „Entenschnabel“ im Todesstreifen zwischen Frohnau und Hermsdorf vor 1989

Die Straße Am Sandkrug gibt es wirklich. Sie gehört zur Gemeinde Glienicke/Nordbahn. Weil sie auf der Karte ins West-Berliner Gebiet hineinragt wie ein Entenschnabel, hat sie den Spitznamen. Zu DDR-Zeiten umschloss die Mauer die Häuschen. Der „Entenschnabel“ war strengstes Sperrgebiet, denn der Mauerstreifen war hier schmaler als irgendwo sonst.

Der ehemalige Kontrollposten an der Oranienburger Chaussee ist heute ein Jugendklub. Wie war es, damals in solch einer Enklave zu leben? Die jungen Leute verweisen mich an Frau S.: „Klingeln Sie mal, sie ist zu Hause.“ Jeder kannte jeden im Entenschnabel – das ist bis heute so.

Frau S. ist tatsächlich da und bittet mich höflich herein. Als wir im Wohnzimmer sitzen, folgt sie meinem Blick nach hinten hinaus in den Garten. „Ja, damals war dort nur Sand, Zaun und Beton und der Kontrollweg der Grenzer.“ Sie lächelt. Ich bin nicht die erste Neugierige, die sie trifft. Heute berichtet sie als Zeitzeugin über ihr Leben.

Alle vier Wochen wurde der Keller von Frau S. kontrolliert, ob Flüchtlinge ein Tunnel in den Westen gruben

Wie, also, war es im „Entenschnabel“? Frau S. lacht. Sie sind sogar freiwillig hergezogen, 1982. Ein Wohnungstausch, das war in der DDR durchaus üblich. „Wir hatten eine große Altbauwohnung in Niederschönhausen gemietet. Die Hauseigentümerin am Sandkrug wiederum war alt und konnte das Haus nicht mehr bewirtschaften.“ Familie S. hatte zwei Töchter, Herr S., der aus Thüringen stammt, träumte davon, Tiere zu halten. Ich muss an den Taubenzüchter aus Steinstücken denken. Die Sehnsucht der Berliner nach Landleben ist keine Mode aus dem heutigen Prenzlauer Berg. Es gab sie schon immer. Und auf beiden Seiten der Mauer.

Im „Entenschnabel“ kam die Polizei regelmäßig zur Kellerkontrolle. Um sicherzustellen, dass niemand einen Tunnel nach „drüben“ grub. Die Töchter durften keine Schulfreunde mitbringen. Überhaupt musste Besuch vier Wochen vorher angemeldet werden. Die Nächte wurden beleuchtet von riesigen Laternen. Kamen Handwerker ins Haus, wurden sie von Soldaten bewacht. Für alles gab es Vorschriften. Sogar der Zaun der Vorgärten hatte bei allen Häusern einheitlich zu sein.

Immer wieder verschwanden Nachbarsfamilien von einem auf den anderen Tag. Manche wurden regelrecht aus der Siedlung gejagt – etwa, wenn Angehörige in den Westen geflohen waren. Auch die direkten Nachbarn von Familie S. mussten eines Tages wegziehen. „Die Frohnauer Nachbarn hatten den Kindern Schokolade über die Mauer geworfen. Sie wohnten etwas erhöht an einem Hang und konnten in unsere Gärten sehen.“ Die Kinder hatten die Schokolade genommen, der Vater war Polizist – das reichte. Es war es ja sogar verboten, den West-Nachbarn zuzuwinken.

Wie hält man das aus? Der Glaube, sagt Frau S., habe es ihr leichter gemacht. Er half Familie S. auch, Freiheiten zu erkämpfen. Die Töchter bekamen keine Jugendweihe, sondern wurden konfirmiert. Zur Feier durften Gäste von außerhalb kommen.

Heute wirkt der „Entenschnabel“ wie eine normale Vorstadtstraße, fast jedenfalls. Hinter dem Garten der S.’ stehen noch ein paar Mauer-Elemente. Der Nachbar auf Frohnauer Seite hat sie als Stabilisierung in den Hang integriert. „Wir fanden es nicht so toll, aber inzwischen ist alles zugewachsen“, sagt Frau S. und zeigt mir ihren grünen Garten und die Volieren der Hühner und Enten.

Zum Abschied, ich stehe schon am Zaun, reicht sie mir eine Tüte mit Keksen: „Wegzehrung!“ Sie lacht. „Selbstgebacken! Mit Enteneiern natürlich!“ Es gibt offenbar noch eine Eigenschaft, die Menschen an Orten wie dem Entenschnabel zum Überleben brauchten: Humor.

Auf dem Rückweg überlege ich, warum mich dieser Tag so zufrieden gemacht hat. Nach der Wende war es lange kaum möglich, als „Westler“ im „Osten“ diese Fragen zu stellen: Wie haben Sie gelebt? Die Menschen fühlten sich schnell ausgehorcht und vorgeführt. Und unsere Fragen waren manchmal wenig sensibel. Dieselbe Sprache zu sprechen bedeutet eben noch lange nicht, dass man sich auch versteht.


Glienicke/Nordbahn – Bornholmer Straße

Gibt es das noch: „Ost“ und „West“?

Tag 5, an dem es um Nachbarn, Verräter und Freunde geht und das Zusammengehörigkeitsgefühl der Berliner

E in Sonnenschirm am Gartenzaun, davor ein Klapptisch mit Schnittblumen und selbstgekochter Marmelade. Der Phlox in der Vase duftet, die „Kasse des Vertrauens“ daneben bedarf keiner weiteren Erklärung. Warum habe ich diese rührende Art des hyperlokalen Handels eigentlich immer für typisch DDR gehalten? Der Tisch steht im „Westen“. Gibt es das überhaupt noch, „Ost“ und „West“?

Stand mit Blumen, Marmelade und "Kasse des Vertrauens"

Glienicke/Nordbahn: Der Ort heißt nach der Bahnlinie, die hier Richtung Neustrelitz führt. Bekannt wurde die Gemeinde wegen der spektakulären Flucht-Aktionen zu DDR-Zeiten. Gleich drei Tunnel wurden in den 60er-Jahren von hier nach Hermsdorf gebuddelt. An der Ottostraße stehe ich an einem kleinen Haus, im Garten steht ein Mauerteil. Es ist bemalt mit bunten Luftballons, die einen seltsamen Kontrast bilden zu der Geschichte, die auf den Stelen daneben erzählt wird: 1963 grub sich hier eine ganze Familie in den Westen. Sie kamen samt Kindern, Großmutter und Hund unversehrt an. Heute lebt einer der Nachfahren wieder im Haus.

Eine tolle Geschichte, finde ich, aber auf dem Nachbargrundstück treffe ich einen Mann, der das anders sieht. „Besser, die Mauer wäre nie gefallen!“, wütet er. „Hier wird nur dauernd eingebrochen und die Polizei braucht drei Stunden, bis sie da ist!“ Früher sei alles gut bewacht gewesen. Aber der Preis dafür? Er schnaubt. „Gucken Sie sich doch um!“

Glienicke/Nordbahn gehört heute zu den selbstbewussten Vororten im „Speckgürtel“ Berlins. Schon 1991 sprachen sich die Bürger dagegen aus, den Ort nach Berlin einzugemeinden. Seitdem hat sich die Bewohnerzahl verdreifacht, überall wird gebaut. Am Ortsrand verabschieden mich zwei futuristische Villen in die Einsamkeit.

Es folgen Sümpfe, Sandwüsten, endlose Felder – links liegt Schildow, rechts das Tegeler Fließ. Dann spitzt in der Ferne der Fernsehturm aus einem Kornfeld. Sein Bau galt 1969 im Westen als Provokation. Der Turm sollte in ganz Berlin zu sehen sein. Bis heute gilt er mit seinen 368 Metern als höchstes Bauwerk Deutschlands. Rechts von mir zieht Lübars vorbei, West-Berlins Vorzeigedorf zu Mauerzeiten. Etwas später sehe ich rechts etwas Rotes im Gebüsch. Eine Friedhofsmauer. Ich bin im Dorf Rosenthal.

Der Todesstreifen wurde geharkt und von Unkraut freigehalten, um Fußabdrücke von Flüchtlingen sofort zu erkennen
Am Tegeler Fließ führt heute der Mauerweg durch Sümpfe und Sandwüsten

Ich laufe entlang der Friedhofsmauer über den holprigen Postenweg und muss lachen. Über die Mauer grüßten die Grenzer damals die Klassenfeinde, verewigt in goldenen Lettern auf schwarzem Marmor: „Hier ruht in Gott der Bauerngutsbesitzer Wilhelm Seeger, gestorben 1905“.

„Grenzgebiet – Betreten und Befahren Verboten“ steht etwas weiter in einem Vorgarten. Das Schild haben sie nach der Wende als Andenken in die Beete gestellt, sagt mir die Gartenbesitzerin, die ich beim Rasenmähen unterbrochen habe. Fünf Meter waren es damals bis zum Sperrzaun, ein Wachturm stand gleich gegenüber. Als Sichtschutz pflanzten sie Bäume, die heute als Riesen im Vorgarten stehen.

Rosenthal war „grenzerweitertes Hinterland“, erklärt mir die Dame. Sie hat einen Moment überlegt, bis ihr der sperrige Begriff aus DDR-Zeiten wieder eingefallen ist. Passierscheine gab es nicht, bewacht wurden sie trotzdem – auch von den Nachbarn. „Einer saß abends immer in der Dorfkneipe beim Bier, am nächsten Tag machte er Meldung, wer Witze über den Staat gerissen hatte.“ Der Nachbar habe viele Menschen verpfiffen, sagt die Frau. „Diese Leute mussten ja monatlich was abliefern“.

Ein Schwein, so nennt sie den Mann. „Das Stasischwein haute dann selbst ab in den Westen.“ Sie redet sich in Rage, unterbricht sich dann. „Eigentlich will ich nicht mehr an diese Zeiten denken.“

An die Zeiten, als an ihrem Gartenzaun eines Tages ein Schulranzen hing. Schuljungen hatten ihn zurück gelassen, bevor sie in den Westen flohen. Teenager, jünger noch als Marienetta Jirkowsky. „An solchen Tagen war hier Weltuntergang, alles war abgesperrt und voller Polizei.“ An einem dieser Tage sahen sie etwas Lebloses auf dem Grenzstreifen liegen. „Ein Flüchtling, erschossen, abgedeckt durch eine Plane.“

Sind Sie heute glücklicher als damals? Sie sei 61, sagt die Frau. „In meiner Generation werden die Unterschiede zwischen Ost und West bleiben. Jedes Mal, wenn ich meinen Rentenbescheid bekomme, fühle ich mich diskriminiert.“

Ich fahre weiter durch einen kleinen Wald, vorbei an Feldern und Gärten. Berlin scheint kilometerweit weg. Doch plötzlich stehe ich an einer vielbefahrenen Straße. Rosenthal und das Märkische Viertel: Nie hätte ich gedacht, dass Dorf und Stadt so nah beieinander liegen. Ich erinnere mich, wie ich zu Mauerzeiten einmal mit dem Bus bis zur Endstation im Märkischen Viertel fuhr. Ich hatte wissen wollen, wie Berlin an seinen Grenzen aussah. Es ging durch endlose Hochhausreihen. Zuletzt stand ich in einer Sackgasse. Der Anblick der vermauerten Straße verursachte mir ein taubes Gefühl. Man versuchte unwillkürlich, den fehlenden Teil in der Vorstellung zu ersetzen, aber es misslang. Jetzt weiß ich, was hinter der Mauer lag – die Wendeschleife der Straßenbahn, die heute als M1 von Mitte nach Rosenthal fährt.

Die Großsiedlung Märkisches Viertel wurde auf Reinickendorfer Seite bis an die Mauer gebaut
„Berlin Bird“ heißt die Installation, die von 1988 an über die Mauer vom Märkischen Viertel nach Osten blickte

Die Hochhäuser stehen im Märkischen Viertel bis an den Stadtrand. Kinder spielen auf Grünflächen im Schatten der Häuser, Männer werkeln an Autos, Wäsche trocknet im Freien. Der Mauerweg zeigt Berlin von hinten, „backstage“, wenn man so will. Nur dass Berlin 28 Jahre lang zwei Rückseiten hatte. Die frisch geteerte Heinz-Brandt-Straße zum Beispiel: Sie existierte zu Mauerzeiten nicht. Heute führt sie zwischen Märkischem Viertel und dem einstigen VEB Bergmann-Borsig hindurch, wo Kraftwerksteile hergestellt wurden, überlebenswichtig für die DDR. Das Werk war streng bewacht.

In der Kleingartenkolonie „Neues Leben“ in Reinickendorf komme ich mit einem älteren Ehepaar ins Gespräch. Wie war das „Neue Leben“ in diesen Gärten zwischen den Rückseiten der Stadt? Die beiden erzählen, dass die Kolonie auf einer Art Schuttdeponie angelegt wurde, weswegen sie bis heute keine Kartoffeln oder Wurzelgemüse essen dürfen, die in ihren Beeten gedeihen. Sie erinnern sich an die französischen Soldaten, die entlang der Kolonie patrouillierten, an das grelle Licht und die Wachtürme. „West-Berlin war eine Insel, man fühlte sich immer eingesperrt, auch wenn wir als Westler ja rausdurften.“ Trotzdem, sagen die beiden, „wollten wir immer nur hier wohnen. Berlin ist eben unsere Heimatstadt.“

Der Grenzstreifen zwischen Prenzlauer Berg und Wedding. Rechts unten der Sockel der Bösebrücke
Fotoshooting am historischen Ort: Die besprühte Bösebrücke an der Bornholmer Straße

Die beiden erzählen von einem Leben, in dem nichts gedacht und geplant werden konnte ohne die Mauer. Und dass es wohl auch deswegen ein besonderes Gefühl des Zusammenhalts gab, unter allen Berlinern. Nach 1989 sei dieses Gefühl weitgehend verloren gegangen. Sie sagen das ohne Groll. „Dafür ist Berlin heute eine freie, offene Stadt.“

Im weiteren Verlauf ist der Mauerstreifen zugewuchert und gesäumt von Müll und Bretterbuden. Ich bin froh, als ich an der Klemkestraße unter den legendären „Siebenbrücken“ (heute sind es nur noch vier) wieder in der Sonne auftauche. „Was ist mit den Toten an den EU-Außengrenzen?“ steht an einem Brückenpfeiler. Dahinter zehn Fragezeichen.

Tote an der Mauer
Ein großes Holzkreuz und die Mauerweg-Stele erinnern hier an Horst Frank, 20 Jahre alt. Er war Gärtner und aus Sachsen nach Weißensee in Berlin gezogen, weil er dort Arbeit fand. Als er zur Armee eingezogen werden sollte, entschloss er sich 1962 mit einem Freund zur Flucht. Er verfing sich im Stacheldraht und wurde erschossen. Seinem Freund gelang die Flucht. Die drei Schützen wurden 1990 zu Bewährungsstrafen verurteilt.

Kurz vor der Bornholmer Straße sehe ich eine Schulklasse im Schatten einer Kirschenallee sitzen. Die Bäume wurden 1990 als Spende von Japanern an verschiedenen Stellen entlang der Mauer gepflanzt. Als Zeichen für Frieden und Freundschaft. Frieden und Freundschaft: Zwei Mädchen fotografieren sich vor dem wild-bunten Graffiti am Sockel einer Brücke. Ihr Akzent weist sie als Amerikanerinnen aus. Ihre Bilder werden in den USA vom jungen, wilden, internationalen Berlin erzählen. Aufgenommen sind sie genau an jener Ecke in Prenzlauer Berg, wo das Ende der deutsch-deutschen Teilung am Abend des 9.November 1989 seinen Anfang nahm – an der Bösebrücke an der Bornholmer Straße.


Bornholmer Straße – Bernauer Straße

Stimmen aus der Vergangenheit

Tag 6, an dem ich versuche, das Berlin von vor 1989 wiederzufinden und feststelle, wie viel ich vergesse habe

A n der Bösebrücke rumpeln die Straßenbahnen von Prenzlauer Berg nach Wedding, als sei es nie anders gewesen. Als gehörte diese Brücke nicht zu den meistgezeigten des deutschen Fernsehens, wenn es um die Wiedervereinigung geht. An hiesigen Grenzübergang durften am Abend des 9. November 1989 die ersten DDR-Bürger in den Westteil der Stadt gehen. Hunderte Menschen hatten sich versammelt und stundenlang gefordert, die Grenze zu öffnen. Es wurde die vielleicht glücklichste Nacht, die Berlin je erlebte.

Die Bösebrücke am Abend des 9. November 1989, dem Tag, an dem die Mauer fiel
Archiv-Video: RBB

Ein Supermarkt steht heute an der Stelle der Abfertigungsgebäude. Gegenüber erinnern ein Mauerrest und eine Freilichtausstellung an damals. Einen Moment bewundere ich von der Brücke den Panoramablick über die Türme und Kuppeln von Berlin. Unter mir kriechen S-Bahnen auf parallelen Gleisen wie Modelleisenbahnen Zu DDR-Zeiten lag das Bahngelände brach wegen der Grenze.

Friedlich wirkt das, und doch markiert die Brücke nach wie vor eine Teilung. Nicht mehr „Ost“ und „West“ prallen hier aufeinander, sondern soziale Gegensätze. Linkerhand schaue ich auf Designer-Wohnwürfel über den Dächern von Prenzlauer Berg. Rechts beginnt der Wedding, damals wie heute sozialer Brennpunkt.

Tote an der Mauer
In der Nacht zum 4. Juni 1984 wird auf der Bahn-Brache über dem Gleimtunnel der 27-jährige Lothar Fritz Freie angeschossen. Er wohnte in West-Berlin und war von westlicher Seite auf das Gelände gelaufen. Grenzer hatten ihm zugerufen, er solle das Gelände verlassen. Als er sich umdrehte, wurde Freie von weiteren Posten entdeckt, die ihn aufforderten, stehen zu bleiben. Als Freie stattdessen losrannte, schossen sie auf ihn. Freie starb zwei Tage später. Was er auf dem Gelände wollte, ist unklar. Möglicherweise war er obdachlos und suchte eine Schlafgelegenheit.

Wo soll ich langlaufen? Ich kreuze zwischen Wedding und Prenzlauer Berg. „Rein“ und „Raus“, die zwei Wörter hängen als autobahnblaue Schilder in den Einfahrten des Gleimtunnels und drehen sich je nach Windrichtung. Eine Kunstinstallation, deren Sinn sich sofort erschließt. Zu DDR-Zeiten war „Raus“ auf der Ostseite das große Thema, der Tunnel war als Teil der Grenzanlage gesperrt. Nach der Wende zogen große Teile der Bewohnerschaft aus Prenzlauer Berg weg, weil die Mieten stiegen. Die heutigen Bewohner kämpfen gegen das Klischee der zugezogenen „Schwaben“.

Seit 1961 war der Gleimtunnel gesperrt, obendrauf wurde die Mauer errichtet
Der Gleimtunnel: Heute spielt eine Kunstinstallation darin mit den Begriffen „Rein“ und „Raus“

Treffpunkt aller Anwohner ist der Mauerpark auf dem ehemaligen Grenzstreifen. Er hat ganz unterschiedliche Bereiche. Die Cafés auf östlicher Seite heißen „Frau Krüger“ oder „Mama Meer, oben gibt es Spielplätze, Ponys und Protestplakate gegen eine drohende Teilbebauung des Parks. In einem stillen Garten zwischen hohen Mauern treffe ich Duc, 20 Jahre alt, und Mizuki, 16. Sie sitzen sich schweigend auf einem Holzplateau im Schneidersitz gegenüber wie bei einer Meditation. Oder ist es Anbetung? Ich unterbreche die Sitzung mit meiner Frage nach dem Woher und Wohin.

West-Berliner winken ihren Freunden nach Ost-Berlin. Bald darauf war auch das nicht mehr möglich
Duc (l.) und Mizuki treffen sich im neu gestalteten Mauerpark, der bis 1989 Todesstreifen war

Beide sind aus Berlin. Er will Designer werden, sagt er. Sie modelt als „Anime“-Figur und plant, ein Konservatorium für Musik zu besuchen. Beide erzählen mir ausführlich und sehr ernsthaft über ihre Zukunftspläne. „Ich weiß, dass es viel Arbeit sein wird, aber ich will berühmt werden“, sagt sie, und er: „Meine Mutter hat alles für mich vorbereitet. Sie wissen ja, wie vietnamesische Eltern sind.“ Die beiden lächeln und nehmen ihre Schweigeposition wieder ein. Ich bewundere die beiden. Sie wirken gleichzeitig bescheiden und trotzdem sicher, dass eine gute Zukunft vor ihnen liegt.

In den 80er-Jahren hieß das Motto der jungen Generation „No Future“. Man war, zumindest in West-Deutschland, eigentlich gegen alles. Gegen Kernkraftwerke, gegen Helmut Kohl, gegen die DDR. Auch, zunächst jedenfalls, gegen eine deutsche Wiedervereinigung. Warum? Vielleicht hatte der Kalte Krieg in unseren Köpfen eine Art Kältestarre ausgelöst. Ich bin nicht stolz darauf, Teil dieser Generation zu sein.

Zu Mauerzeiten gehörte der nördliche Teil der Schwedter Straße zu den Grenzanlagen
Die alte Schwedter Straße führt heute als Denkmal durch den Mauerpark. Rechts das Amphitheater

1988 begleitete ich einmal einen Freund nach Prenzlauer Berg. Er hatte dort Bekannte, die in einem Hinterhof einen illegalen Musikclub betrieben. Der Freund war Punk und Maler, er gestaltete für den Club ein Wandgemälde. Seine Ost-Berliner Kumpels waren Musiker. Einen Abend lang saßen wir zwischen Farbeimern und Gitarren. Wir hatten als Gastgeschenk selbst aufgenommene Musik auf Kassetten mitgebracht. Die Gegengabe zeigte mir mein Studienfreund erst, als wir wieder im Westen waren – es war selbst gezogenes Gras vom Dach eines Altbaus in Prenzlauer Berg.

Ich irre eine Weile durch die sanierten Straßen, aber das Haus mit dem Club finde ich nicht mehr. Schließlich bin ich zurück im Mauerpark und laufe über holpriges Straßenpflaster gen Süden. Die alte Schwedter Straße tauchte nach dem Mauerfall unter dem Todesstreifen wieder auf. Eine Straße ohne Stadt, häuserlos wie eine römische Ausgrabung. Grillen zirpen am Wegrand, ich passiere ein steinernes Amphitheater. Das allwöchentlich hier aufgeführte Stück heißt Karaoke.

All das ist, samt Flohmarkt, längst in jedem Berlin-Reiseführer zu finden. Nur eins kann man sich selbst im Mauerpark nicht mehr vorstellen. „Wo stand die Mauer?“ Zwei junge Schwedinnen halten mir den Stadtplan hin. Sie schauen irritiert, als ich mit dem Finger über den Park und die Bernauer Straße fahre. Sie sind nicht zufrieden. Wo genau? Schließlich erkläre ich ihnen den Weg zur Mauergedenkstätte.

Wie beschreibt man jemandem etwas, das es nicht mehr gibt? Nach dem Mauerfall erinnerten an der Bernauer Straße nur noch die großen Gedenkplatten in den Gehwegen an die Menschen, die hier bei der Flucht zu Tode kamen. „Schandmauer“, das Wort ist so tief in die Platten eingemeißelt, dass sich die Wut jener Zeit noch ahnen lässt.

August 1961: Kinder schauen beim Mauerbau zu an der Bernauer Straße, Ecke Ackerstraße
Die Ackerstraße führt heute an der Mauergedenkstätte vorbei, an den Fassaden erinnern Fotografien an die Teilung

Ich mache Pause im „Ost-West-Café“ auf der Weddinger Seite. Vor der Tür steht ein DDR-Polizei-Trabi als Touristenattraktion. Unter der Decke hängen Zeitungen aus den Zeiten der friedlichen Revolution in Deutschland, 1989. Die aktuellen Ausgaben auf den Tischen dagegen sind voll von den Kriegen der Welt im Jahr 2014. Im Café sprechen die jungen Leute Englisch oder Deutsch, Türkisch oder Arabisch. Auf dem Bürgersteig gegenüber bändigen zwei Mütter lachend ihre Kleinkinder. Die Jungs tragen Schläfenlocken und Gebetsfäden. Niemand dreht sich nach ihnen um. Ein Bild des Friedens.

Von 1961 an dagegen gingen andere Bilder der Bernauer Straße um die Welt. Menschen, die aus den Fenstern über die Mauer in den Wedding sprangen, in die Freiheit. Der Volkspolizist, der zum Sprung über die Grenzanlage ansetzt, deren Bau die Polizei gerade bewachte. Spektakuläre Tunnelfluchten. Noch 1985 ließ die DDR die Versöhnungskirche sprengen, die an der Bernauer Straße auf dem Todesstreifen stand. Auch dieses Bild wurde zu einem Symbol des Kalten Krieges.

Die Bilder von damals sind heute Teil der großen Ausstellung, die in den vergangenen Jahren entlang der Bernauer Straße entstand. In Bildern und Texten, Film- und Tondokumenten wird die Geschichte genau da erzählt, wo sie geschah.

An einer Stelle sind Fundamente eines abgerissenen Hauses freigelegt und beschildert, wie man es sonst nur von archäologischen Grabungen kennt. Als neben mir eine Frau einen Knopf drückt, fahren alle Besucher zusammen. Die Stimme der 2001 gestorbenen SPD-Politikerin Regine Hildebrandt dröhnt aus einem Lautsprecher. Ihr Berliner Organ erschreckt manche Zuhörer. Aber die Fassungslosigkeit und Empörung, mit der sie schildert, wie ihre Familie ihre Wohnung an der Mauer räumen musste, versetzt alle in die Zeit von damals.

Die Gedenkstätte Berliner Mauer: Die Stadt hat lange gebraucht, um sich zu diesem Erinnerungsort durchzuringen. Kritiker befürchteten, die Ausstellung könne eine Art Fortsetzung des Kalten Krieges mit anderen Mitteln werden. Andere wollten ihr Privatgrundstück am Todesstreifen nicht mit „Schaulustigen“ teilen. Als ein Teil der Grenzanlage wieder aufgebaut wurde, sagten Anwohner: Sie wollten nicht schon wieder auf die Mauer schauen. 1998 wurde das Mahnmal eröffnet. Die Ausstellung wird erst jetzt, 16 Jahre später, komplett.


Nordbahnhof – Reichstag

Von der Sorge, richtig verstanden zu werden

Tag 7, der mich von einem Geisterbahnhof zu Theodor Fontane führt und mit einem vielsagenden Kuss endet

I ch erinnere mich, wie ich zu Mauerzeiten in der U- und S-Bahn immer angestrengt aus dem Fenster schaute, wenn die Ansage kam: „Letzter Bahnhof in Berlin-West“. Dann folgten die düsteren Bahnsteige von Ost-Berlin und es war für ein paar Sekunden, als schaue man direkt in die Vergangenheit. Manchmal waren in den Wänden die Sehschlitze der DDR-Grenzer zu erkennen. Die Bahnhöfe waren gesperrt, die Züge fuhren einfach hindurch. Im Nordbahnhof ist diese Geisterbahnhof-Atmosphäre noch erhalten. Schilder in Frakturschrift, ein altmodisches Fahrkartenhäuschen, Fotos und Videos: Der Nordbahnhof ist Teil der Mauergedenkstätte.

Aus der düsteren Vergangenheit tauche ich an einem sonnenbeschienenen Strand in der Gegenwart wieder auf. Am „Berlin Beach“ auf dem vorderen Teil des einstigen Nordbahnhofs wird heute Beach-Volleyball gespielt. Am anderen Ende rostet eine alte Eisenbahnbrücke dekorativ vor sich hin. Dahinter, irgendwo, soll Fontane liegen.

Aber wo? Gleich drei Friedhöfe verwirren mich an der Liesenstraße. In den Eingängen hängen Listen mit berühmten Namen, aber kein Fontane. Der Friedhofsgärtner weiß Rat. „Gegenüber, Friedhof II der Französisch-Reformierten Gemeinde, ganz rechts.“

Theodor Fontane und ich: Als ich in der Schule „Unterm Birnbaum“ las, lag er noch im Sperrgebiet zwischen Mitte und Wedding. Erst auf dem Stadtplan habe ich entdeckt, dass ich ihm auf dem Mauerweg begegnen werde. Fontane und Sozialismus: die DDR sah in dem großen Wanderer und Schriftsteller einen Vordenker des Sozialismus. Ich glaube, er selbst hätte für den real existierenden Sozialismus wenig Verständnis aufgebracht, der Gräber entfernen ließ, um einen Todesstreifen anzulegen und Passierscheine verlangte, um sein Grab zu besuchen.

Ein Grenzsoldat bewacht den Friedhof an der Liesenstraße, durch den der Grenzzaun führt
Theodor Fontanes Grab an der Liesenstraße lag damals im Sperrgebiet an der Mauer

Am Eingang des Friedhofs steht ein Gedenkstein für die entwidmeten Gräber. Fontane muss irgendwo dahinter liegen. Ich irre um Buchshecken, Mauern und Mausoleen. Schließlich leuchtet mir ein roter Obelisk entgegen, darauf in Goldschrift: „Errichtet von seinen dankbaren Schülern“ – Ah! Doch auf der anderen Seite steht: „Erfinder der nach ihm benannten Stenografie“. Kurzschrift? Nein, wenn Fontane irgendwas nicht war, dann kurz. Theodor und Emilie liegen in einem schlichteren Grab gleich neben den Stenotypisten. Die Steine glänzen schwarz, man hat sie nach der Wende erneuert und etwas weiter ein kleines Fontane-Mausoleum errichtet.

Neben dem Friedhof beginnt ein Neubauviertel, viel Glas und beigefarbene Fassaden. Wo bin ich? Mitte? Wedding? Ich drehe und wende das Handy mit GPS und Mauer-App, die beharrlich behauptet: Genau hier sei der Grenzübergang Chausseestraße gewesen. Ich erinnere mich an eine weite Freifläche.

Von 1990 an bin ich hier oft entlang gefahren. Ich jobbte neben dem Studium als Taxifahrerin. Die Route durch Mitte war eine willkommene Abkürzung. Doch viele Fahrgäste und auch Taxifahrer befürchteten Grenzkontrollen, die ja erst zum 1. Juli 1990 offiziell eingestellt wurden. Manche hatten auch schlicht Angst vor dem Fremden. Viele, gerade die Zugezogenen, waren nie im Ostteil der Stadt gewesen.

Schließlich entdecke ich auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen älteren Herrn, der einem jüngeren Paar den Weg erklärt. Der muss es wissen. Ja, sagt er, er wohnt hier, seit mehr als 70 Jahren. In Mitte, also der „Ost-Seite“. Wir stehen genau auf der ehemaligen Grenze. Da, wo er als Kind Fußball gespielt hat mit den großen Jungs, die sich vor den Soldaten nicht fürchteten.

Der Wachturm am Kieler Eck ist heute ein Museum für Günter Litfin, der auf der Flucht in den Westen starb

Die beiden anderen Ratlosen sind schwedische Touristen. Der Herr begleitet uns vorbei am erweiterten Bau des Bundeswehrkrankenhauses. Zu DDR-Zeiten wurden hier nur Angehörige der Polizei und des Innenministeriums behandelt. „Heute bekommt man hier auch als normaler Rentner einen Termin.“ Es klingt stolz.

Es ist ihm wichtig, dass die Besucher des heutigen Berlins einen Eindruck bekommen, wie es damals war. „Ich war Rocker!“ er lacht. „Mit langen Haaren. Sowas gab's nämlich bei uns auch.“ Die Schweden lachen. Schließlich stehen wir vor einem rosafarbenen Etagenwohnhaus an der Kieler Straße. Ja, und?, will ich sagen, dann fällt mir auf, was davor steht: Ein Wachturm. Typ B. Nach der Wende sind ihm die Neubauten über den Kopf gewachsen.

Auch dieser Turm ist ein Museum. Ein Mann hat darin seinem Bruder eine Ausstellung gewidmet. Günter Litfin wurde im August 1961 bei der Flucht nach West-Berlin erschossen. Er war der erste, der in Berlin bei der Flucht in den anderen Teil der Stadt getötet wurde.

Tote an der Mauer
Günter Litfin war 24, er arbeitete als Schneider in Charlottenburg, in der Nähe des Zoos. Er lebte jedoch in Weißensee im Ostteil der Stadt. Und er war, wie sein Vater, Katholik und Mitglied der CDU. Ab dem 13. August war er von seiner Arbeitsstelle abgeschnitten. Am 24. August 1961 versuchte Litfin, über die Bahnanlagen am damaligen Lehrter Bahnhof zu fliehen. Als Polizisten Warnschüsse abgaben, sprang er an der Humboldthafenbrücke in den Kanal. Kurz vor dem anderen Ufer wurde er durch einen Kopfschuss tödlich verletzt. Sein Bruder Jürgen Litfin ist überzeugt, dass er durch einen Genickschuss gezielt getötet wurde.

Die Ausstellung im Turm ist geschlossen. Mein Begleiter ist ein bisschen besorgt, er kennt den Bruder persönlich, der noch etwas älter sein muss als er selbst. Für Jürgen Litfin wurde das Schicksal des Bruders Günter zum lebensbestimmenden Thema. Ich überquere den Invalidenfriedhof, auf dem noch ein Stück Hinterlandmauer steht. Sie ist, wie damals, weiß getüncht. Eine pervertierte Leinwand, vor der auf Flüchtende geschossen wurde: Verstehen tut man solche Grausamkeit nur, wenn sie Gesichter bekommt und Namen. Wer wird Günter Litfins Geschichte erzählen, wenn der Bruder es nicht mehr kann?

Am Kapelle-Ufer scheint die Vergangenheit wie ausradiert. Die Spree windet sich hier, in anmutigen Kurven, vorbei an den strengen Formen des Regierungsviertels. Reichstag mit Kuppel, Paul-Löbe-Haus, Kanzleramt: Viel Grau, viel Glas, viel Größe. Die Ausflugsdampfer sehen davor aus wie Spielzeugschiffe. Am Ufer stehen acht weiße Kreuze. Sie wirken winzig wie eine Fußnote unter dem Panoramabild, das für das neue, vereinte Deutschland steht. Die Kreuze erinnern an Menschen, die an der Mauer getötet wurden, Jürgen Litfin oder Marienetta Jirkowsky.

Auf der Rückseite des Reichstags stehen ein Polizeiauto und ein Schild: „Durchgang verboten.“ Also umrunde ich das riesige Gebäude, und mir fällt ein: 1983 war ich schon einmal hier. Auf Klassenreise, es war eine Pflichtfahrt für den gesamten Jahrgang. Alle Schüler sollten Berlin sehen. Im Reichstag gab es eine Ausstellung zum Nationalsozialismus. Ich erinnere mich an den besorgten Ton unserer Lehrer, ob wir das Thema auch ernst genug nähmen. Die Sorge war berechtigt. Einige Mitschüler interessierten sich mehr für die „Intershops“ in Ost-Berlin, wo es Alkohol und Zigaretten für D-Mark steuerfrei zu kaufen gab.


Brandenburger Tor – Sonnenallee

Abgefragt, abgestempelt, abgenervt

Tag 8, an dem ich die Stadt aus der Sicht von Touristen erlebe und am Ende froh bin, in Neukölln zu sein

W as sieht man, wenn man Berlin mit fremden Augen betrachtet? Vielleicht hat mich auch deswegen der Mauerweg so gereizt. Ich wollte wissen, was die elf Millionen Menschen berührt, die pro Jahr die Stadt besuchen. Sind es die Gegenwart, die Kunst, das Flair, die Partys? Oder ist es auch die Geschichte?

Touristen fotografieren sich 1969 auf Ost-Berliner Seite vor dem Brandenburger Tor. Näher ran durfte man nicht
Brandenburger Tor: Ein Pärchen gibt sich zum Abschied einen Kuss am Symbol der Wiedervereinigung

Ohne Foto vom Brandenburger Tor zumindest dürften die Wenigstens wieder nach Hause fahren, denke ich, während ich zwei Japanern ausweiche, die rückwärts durch die Menschenmassen am Tor laufen, die Blicke starr auf ihre Handys gerichtet. Sie machen Selfies am wichtigsten touristischen Ort Berlins. Zwei Mädchen sprechen mich an: „Do you like Berlin?“ Sie kommen aus Kreuzberg, stellt sich heraus, und sollen englisch üben mit Touristen. „Yes“, sage ich. Ich mag Berlin, dieses fliegende Klassenzimmer.

Als ich so alt war wie sie, 1983, schauten wir Schüler von einem Aussichtspodest vom Tiergarten auf ein einsames Brandenburger Tor. Es stand soldatenbewacht im Todesstreifen. Wir sollten die deutsche Teilung begreifen, doch wir fühlten uns nur wie Katastrophentouristen. Was hatte das alles mit uns zu tun?

Auf dem Gelände des heutigen Potsdamer Platzes fand bis 1990 der sogenannte „Polenmarkt“ statt
Ein dicker Pelz aus ausgespuckten Kaugummis klebt an Mauerteilen am Potsdamer Platz

Die Frage stelle ich mir auch dieses Mal. Jenseits der Stelen des Holocaust-Mahnmals irritiert mich ein Schild: „Berlin Silver Grill“. Es ist ein Imbiss. Etwas weiter klebt an den Mauerteilen am Potsdamer Platz ein dicker Pelz aus ausgespuckten Kaugummis. Zunächst halte ich die widerliche Schicht für ein wortloses, abwertendes Statement, dann lerne ich beim Zugucken: Schüler machen das. Es bedeutet ungefähr dasselbe wie diese Kritzeleien „I was here“ an touristischen Orten, nur mit DNA, sozusagen.

„The Berlin Wall, discover it here“: Am Checkpoint Charlie herrscht Gedrängel wie immer. Als Soldaten verkleidete Studenten nehmen einen Euro, wenn man mit ihnen aufs Foto will. Und wer will das nicht, auch wenn es nur eine Zirkusnummer ist? Das private Mauer-Museum erzählt hier seit 1963 deutsch-deutsche Geschichte im aufgeregten Ton des Protests, der einst das Motiv seiner Gründung war. Die Warteschlangen reichen tagtäglich bis auf die Straße.

Nicht jedem Berliner gefällt das. Doch irgendwann wird auch diese Form des Erinnerns Teil der Berliner Geschichte sein, denke ich, während ich über die Zimmerstraße zu einem Ort laufe, der ebenfalls große Gefühle wachhält, wenn auch viel leiser. Vor einer rostfarbenen Stele liegen Blumen.

Tote an der Mauer
Peter Fechter, 18 Jahre alt, versuchte am 17. August 1962 über den Todesstreifen an der Zimmerstraße nach Kreuzberg zu fliehen. Er wurde angeschossen und rief stundenlang vergeblich um Hilfe. Auf Kreuzberger Seite schauten zahlreiche Journalisten und Passanten zu, die schließlich „Mörder, Mörder!“ riefen. Doch der Junge blieb hilflos liegen. Erst nach drei Stunden bargen Volkspolizisten und DDR-Grenzer den Sterbenden.

Ich bleibe einen Moment stehen. Peter Fechters Schicksal passt nur schwer in die alltägliche Kulisse. Auf den Bürgersteigen rundum sitzen Büromenschen beim Kaffee. In den 60er-Jahren standen hier kaum noch Häuser. Das Hochhaus des Verlagshauses Axel-Springer ein paar Meter weiter war eine Ausnahme. Der Hamburger Verleger wollte damit ein Zeichen setzen.

Die Zimmerstraße zu Mauerzeiten, in der Mitte der Übergang Checkpoint Charlie, im Hintergrund das Verlagshaus Axel-Springer
Die Mauerläufer-Skulptur des Künstlers Stephan Balkenhol vor dem Verlagshaus Axel Springer in Kreuzberg

Der Verleger ließ in seinen Zeitungen die DDR in Anführungsstriche setzen. Man achtete auf den Bindestrich zwischen „West“ und „Berlin“. Springer glaubte an eine deutsche Wiedervereinigung, doch er hat den Fall der Mauer nicht mehr erlebt. Vor einigen Jahren hat man vor seinem Verlag ein paar Mauer-Elemente arrangiert. Obendrauf balanciert die Skulptur eines „Mauerläufers“. Es wirkt wie ein fast heiteres Kunstwerk, wenn man die Zusammenhänge nicht kennt.

Ich muss mich beeilen, wenn ich es heute noch bis Neukölln schaffen will. Andererseits könnte ich an jeder Ecke stehen bleiben. Bei den pompösen Luxus-Neubauten am Todesstreifen hinter der Bundesdruckerei ebenso wie bei der alten Kreuzberger Dame, die in den 60er-Jahren an die Stallschreiberstraße zog und das Leben hier so zusammenfasst: „Damals war es ruhiger als heute. Bis auf die Schüsse dann und wann.“ Und natürlich bei Osman Kalin. Er sitzt in seinem berühmten Garten, den er Anfang der 80er-Jahre auf einer Verkehrsinsel an der Mauer anlegte. Das verwilderte Grundstück war DDR-Gebiet, auch wenn es auf westlicher Seite lag.

So hätte Osman Kalins Blick aus der Hütte ausgesehen, doch damals durfte er kein zweites Geschoss bauen
Osman Kalin in seinem Garten, der auf Kreuzberger Seite der Mauer lag, aber auf DDR-Gebiet

Hinter der Eastside-Gallery ragt der Rohbau eines Hochhauses in den blauen Sommerhimmel. Ich bin überrascht, wie groß er schon ist. Gegen den Bau gab es im vergangenen Jahr wütende Demonstrationen. Anlass war, dass einige der denkmalgeschützten Mauerteile für die Einfahrt entfernt wurden. Einigen ging es um die Frage, ob Luxuswohnungen auf dem ehemaligen Todesstreifen angebracht sind. Den meisten aber wohl um den Freizeitwert der Wiese dahinter.

Tote an der Mauer
Am Ufer gegenüber ertrank 1973 der fünfjährige Siegfried Kroboth. Er fiel beim Spielen ins Wasser. Die West-Berliner Polizei durfte nicht eingreifen, weil die Spree hier zum DDR-Gebiet gehörte. 1979 ertrank einige Meter weiter der ebenfalls fünfjährige Cetin Mert. Auch diesmal wagte niemand hinterherzuspringen, aus Angst vor den tödlichen Schüssen der DDR-Grenzer. In den Stasi-Akten fand sich nach der Wende der Hinweis, dass DDR-Grenzposten den Unfall des Cetin Mert fotografiert hatten – gerettet haben sie ihn nicht.

Die Eastside-Gallery: Das Gedrängel ist fast so groß wie am Checkpoint Charlie. Die bunten Gemälde, 1990 von internationalen Künstlern im Namen des Friedens auf die Ost-Berliner Seite der Mauer gemalt, sind heute bekritzelt mit Sprüchen. Ein Lehrer schart seine Oberschüler am Spreeufer um sich und beginnt seinen Vortrag mit einem seltsamen Bekenntnis: Die Mauer gehöre eben zu einem Berlinbesuch, auch wenn er persönlich DDR-Geschichte langweilig finde.

Die Schüler richten irritiert die Blicke über die glitzernde Spree Richtung Kreuzberg.

Das Spreeufer gehört eigentlich zu den Orten, die ich gern besuche. Schon allein wegen des Sonnenuntergangs, bei dem die Spree vor der ganz großen Berlin-Kulisse rot aufleuchtet. Jetzt will ich nur noch weg. Ein Kurzbesuch noch im Andenkenkiosk am ehemaligen Grenzübergang Oberbaumbrücke macht die Sache nicht besser. Hier werden Pässe gestempelt. Wie einst. Die Stempel seien echt, versichert die Dame am Tresen. „Welchen wollnse denn? DDR? Volkspolizei? Oder beide?“ Amerikanische, australische, ja, sogar georgische Pässe werden gereicht.

Die Mauer an der Mühlenstraße 1990 beim Ost-Bahnhof vor der Bemalung als Eastside-Gallery
Eastside-Gallery: Gegen das Hochhaus auf dem Todesstreifen gab es erbitterte Proteste

Zum ersten Mal auf meiner Wanderung bin ich regelrecht wütend. Es gibt viele Wege, Erinnerung auszuradieren. Im Juni 1990 bin ich auf der Oberbaumbrücke das letzte Mal kontrolliert worden. Ich war auf dem Weg zu einem Fest in Friedrichshain. Die Grenzer filzten sogar den Kartoffelsalat, den ich zur Party mitbringen wollte.

In Treptow verlief die Grenze inmitten der Spree. Die Kreuzberger Ufer waren einsame Industriebrachen. Heute säumen abends Lichter die Ufer, die einst gesperrte Lohmühleninsel ist heute das Quartier der angesagtesten Clubs der Stadt. Im grünen Schlesischen Busch gegenüber steht noch ein Wachturm. Ein Künstler hat ihn 1990 vorm Abriss bewahrt: Kalle Winkler, der in der DDR inhaftiert und von der Bundesregierung freigekauft worden war. Den Turm taufte er „Museum der verbotenen Kunst“. Heute ist der Turm bunt besprüht, ein beliebiges Stück einer Stadt.


Sonnenallee - Rudow

Berlin ist auch an den Rändern wild und schön

Tag 9, an dem ich durstig durchs Niemandsland laufe, Wasserbüffeln begegne und am Schluss auf die Zukunft der Stadt schaue

A m Neuköllner Teil der Sonnenallee entlässt der Bus sämtliche Sorgen und Probleme Berlins am größten Jobcenter Deutschlands. Ich bin der einzige Fahrgast, der bis zum ehemaligen „Grenzkontrollpunkt Sonnenallee“ weiterfährt.

Auch wenn die Straße durch den gleichnamigen Kinofilm berühmt wurde – von der DDR ist hier nichts mehr zu sehen. Die Mauerweg-Schilder weisen in die Wiesen am Heidekampgraben. Das Flüsschen fließt träge im Schatten tiefgrüner Bäume. Etwas später glitzert schon wieder Wasser vor mir verführerisch in der Sonne – der Britzer Kanal. Einfach mal reinspringen? Wandern in Neukölln kann erstaunlich schön sein.

„Vorsehn!“ Ich springe gerade noch zur Seite, als etwas an meinem Rücken vorbeifliegt. Ein Skater. Als nächstes ein Klingeln: Drei ältere Herren surren auf Rennrädern vorbei. Der Mauerweg ist hier samtig geteert und offenbar eine Rennstrecke für Sportler. Doch Fußgänger gibt es auch.

Eine ältere Frau beugt sich am Wegrand über weiße und gelbe Blüten. Ich frage sie nach der Stele für Chris Gueffroy, die ich irgendwo in der Nähe vermute. Der 20-Jährige ist im Februar 1989 am Britzer Kanal erschossen worden. Weiß sie mehr? Sogar eine Straße ist nach ihm benannt.

Vom Verkehr abgeklemmt - die alte Späthbrücke am Teltowkanal

Sie sei Botanikerin, nicht Historikerin, sagt die Frau abwehrend, und überhaupt: „Diese Geschichten werden doch heute überbewertet.“ Sie beobachte lieber den Trockenrasen auf dem Mauerstreifen. Hat man den nicht zu DDR-Zeiten mit Pestiziden vergiftet, um bessere Sicht auf Flüchtende zu haben? „Ja, schon“, sagt sie. Aber heute sei die botanische Vielfalt wieder ganz außerordentlich. Ich sage: Chris Gueffroy wollte in den Westen, weil er die politische Gängelei in der DDR nicht ertrug. Die Botanikerin macht eine verschlossene Miene. „Ich wollte nie in den Westen. Er ist mir bis heute fremd.“

Ich finde den Gedenkort für Gueffroy etwas weiter direkt am Teltowkanal. Der stille Platz steht im Kontrast zu einem intensiven Duft nach Stadt: Kaffee. Die Jacobs-Kaffeerösterei sendet seit den 80er-Jahren von Neukölln aus das Aroma von „West-Kaffees“ bis weit in den Osten Berlins. Wie muss es sich angefühlt haben, auf der anderen Seite der Mauer zu leben?

Das Industriegebiet in Rudow am Teltowkanal, rechts der Mauerstreifen, um 1990
Tanklager am Teltowkanal - am anderen Ufer verläuft der Mauerweg entlang der Autobahn

Chris Gueffroy war zwei Jahre jünger als ich. Er wollte nicht zum Militär, so wie viele meiner Schulkameraden im Westen auch. Doch während meine Altersgenossen entweder Zivildienst leisteten oder nach West-Berlin zogen, wo es keinen Wehrdienst gab, verlor Gueffroy dafür sein Leben. Er war davon ausgegangen, dass der Schießbefehl in der DDR aufgehoben sei. Doch erst sein Tod am 5. Februar 1989 führte dazu, dass die DDR-Führung diese Aufhebung auch offiziell verkündete.

„Durchgang verboten“, das Wort taucht irgendwann einfach so in meinen Gedanken auf. Ich laufe seit Stunden an einer Mauer entlang, Kilometer um Kilometer geht es geradeaus, die Mauer wird nur unterbrochen von geschlossenen Türen mit der immer wiederkehrenden Aufschrift: „Durchgang verboten.“ Kein Alptraum, sondern eine Schallschutzwand, hinter der die Autobahn 113 Richtung Süden rauscht. Rechts liegt der Teltowkanal träge in seinem Bett. Ich bin im Niemandsland zwischen Treptow und Neukölln.

Der Mauerstreifen zwischen Rudow und Altglienicke
Unter dem Landschaftspark verläuft heute die Autobahn

Die Hitze knallt mir auf den Kopf. Ich habe mir den Mauerweg weniger anstrengend vorgestellt. Ich hätte mehr Wasser mitnehmen sollen. Vielleicht einen Sonnenhut. Und Gesellschaft. Alle rasen an mir vorbei, sogar die Postbotin ist auf einem Elektrofahrrad unterwegs.

Und wo ist eigentlich die Mauer? Im Berliner Süden ist vom Mythos der Mauerstadt nichts zu spüren. Erst hinter einer modernen Autobahnbrücke stehe ich wieder an einem Stück Hinterlandmauer. Es steht auf einer Wiese im Nirgendwo, als habe es jemand vergessen. Nur die Stelen des Mauerwegs erinnern daran, dass es sich um ein Denkmal handelt.

Bauer Georg Mendler aus Rudow gehörte 1979 zu den wenigen Landwirten in West-Berlin
Am Stadtrand von Rudow liegen heute Pferdeweiden und Gärten entlang des Mauerstreifens

Ich passiere einen neu angelegten Landschaftspark, Bäume, Gärten und Ponyweiden. In Rudow zerschnitt die Mauer nicht die Stadt, sondern die Landschaft in zwei Teile. Die letzten Bauern von Rudow weideten ihre Kühe im Schatten der Mauer. Auf der anderen Seite ließ die DDR Plattenbauten errichten und Flugzeuge in den Himmel steigen – in Schönefeld.

„Guckt mal, guckt mal!“ Eine Gruppe Radtouristen steht aufgeregt an einem brusthohen Weidezaun. Dahinter liegt der Amazonas. Es könnte auch Nordafrika sein. Eine Herde Wasserbüffel suhlt sich genüsslich in einem Matschloch. Ist das wahr? Die Radfahrer sind begeistert. Was Berlin alles bietet! Sie kommen aus Köln und München und haben eine organisierte Tour über den Mauerweg gebucht. Die Geschichte der deutschen Teilung hat sie in den vergangenen Tagen nachdenklich gemacht. Aber jetzt stehen sie da und staunen. Die Wasserbüffel, lernen wir, sind eine „Ausgleichsmaßnahme“ für den Autobahnbau. Wie viele Wasserbüffel hätte man als Ausgleich gebraucht für die Berliner Mauer?

Wasserbüffel weiden, wo früher die Mauer stand

Kurz vor der Waltersdorfer Chaussee taucht ein Imbiss in einer Kurve auf. Er ist neu. Bis zum vergangenen Sommer, erzählt mir die Wirtin Silvia Safferthal, stand an der Stelle ihr privater Swimmingpool. „Unser Garten lag ja direkt an der Mauer.“ Mit dem Mauerfall wurde das anders. Als sie im vergangenen Jahr mehr als 4000 Passanten an ihrem Garten zählte, hatte sie eine Idee.

Silvia Safferthal und Klaus Otto haben ein Imbissstand direkt am Mauerweg - an einem Ort, wo vorher etwas ganz anderes stand

Der Mauerweg, sagt die Wirtin, sei für sie eine Chance gewesen, beruflich noch einmal neu anzufangen. Ihr Mann hat den Imbiss gebaut, wo vorher der Pool war. Sein Name klingt wie ein persönliches Programm: „Am Ziel“. Die Gäste, erzählt das Ehepaar, kommen aus aller Welt. Die meisten sind interessiert, wie das Leben damals hier war. Für sie hat Silvia Safferthal eine Mappe mit laminierten Fotos von damals zusammengestellt. Auf den Bildern sieht man den Grenzübergang an der Waltersdorfer Chaussee. Hier mussten alle West-Berliner durch, die vom Flughafen Schönefeld billig in den Urlaub fliegen wollten.

Tote an der Mauer
Am 12. Februar 1987 ist nahe dem Grenzübergang Waltersdorfer Chaussee in Rudow der KFZ-Mechaniker Lutz Schmidt gestorben. Nach einer dramatischen Flucht über den Todesstreifen hatte er zwar seinem mitflüchtenden Freund über die Mauer geholfen. Er selbst fiel jedoch auf die DDR-Seite zurück. Er wurde erschossen. Lutz Schmidt hinterließ Frau und zwei kleine Kinder. Er hatte mit seiner Familie im Westen ein neues Leben beginnen wollen.

Am Ende des Tages wartet auf mich eine Gipfelbesteigung. 86 Meter, die Stufen erscheinen mir unglaublich steil, die zum „Dörferblick“ bei Rudow hochführen. Aber wie bei jeder Bergbesteigung entschädigt das Panorama. Der Hügel besteht zwar wie die meisten Berge Berlins nur aus Kriegstrümmern und Müll, bietet aber dafür weite Blicke in Raum und Zeit.

Richtung Norden liegt die Berliner Vergangenheit in Form der gigantischen Hochhausviertel, die nach 1961 im eingemauerten Westen entstanden. In der anderen Richtung schaut man auf Berlins Zukunft oder zumindest auf das, was Zukunft werden soll. Der unfertige Flughafen BER liegt in den sommergelben Feldern hingestreckt wie ein mächtiges Tier, von dem man nicht weiß, ob es noch lebt oder nicht.

Der Blick vom Dörferblick über den Grenzstreifen, 1988
Der Dörferblick von Rudow: Am Horizont liegt der Flughafen BER

Rudow – Wannsee

Es ist noch nicht alles erzählt

Tag 10, der da beginnt, wo die Stadt ins Nichts stürzt und mit neuen Fragen an die Mauer endet

A m Morgen simst mir eine Freundin: Ob ich sie abends besuchen komme? „Nein, ich wandere um Berlin.“ – „Oh, wie auf dem Jakobsweg?“ Ich muss lachen, aber irgendwie hat sie recht. Die Gegenwart ist inzwischen in die Ferne gerückt wie eine Erinnerung, die mich nicht mehr berührt.

Gropiusstadt: Auf einem asymmetrischen Marktplatz hockt quietschgelb der U-Bahnhof, die Kirche daneben tarnt sich als blecherner Kegel. Als die Großsiedlung in den 60er-Jahren gebaut wurde, galt sie als architektonisch wegweisend. Bis an die Mauer schoben sich die Dreißiggeschosser, die möglichst viele Menschen auf engstem Raum unterbrachten. Die grotesken Formen sollten vielleicht der Tristesse entgegenwirken. Richtig funktioniert hat es nicht. Christiane F. wuchs hier auf, das Buch über sie wurde zur Chiffre für soziale Probleme am Stadtrand. Heute ist vieles besser. Vielleicht ist es nur Zufall, als ich aus einem Hochhaus Frauen um Geld streiten höre. „Dreißig Euro! Weißt du, wie viel das ist?“

1986 wurde die Mauer am Südrand von Neukölln mit genormten Betonteilen versehen
Hochhäuser am Feldrand - die Mauer hat in Gropiusstadt eine "Stadtkante hinterlassen

Durchs Gebüsch führt mich der Mauerweg in gleißendes Licht. Vor mir fegen Staubwolken über ein weites Stoppelfeld. „Stadtkante“ nennen sie das hier, diesen Bruch, an dem die Stadt ins Nichts abbricht. Ich hatte es mir nicht so krass vorgestellt. Eigentlich fehlt nur noch die Mundharmonika aus dem Film „Spiel mir das Lied vom Tod.“

Auf dem Feld wirft eine ältere Dame einem Schäferhund Stöckchen zu. Das Haar klebt ihr auf der Stirn, es ist heute noch heißer als tags zuvor. Wo genau stand die Mauer? Sie überlegt. „Man denkt ja nicht mehr so oft daran.“ Dann deutet sie auf eine Siedlung aus bunten Fertighäusern. „Da war ja damals nüscht, nur Todesstreifen.“ Der Hund kommt hechelnd aus dem Stoppelfeld geschossen.

Warnschild an der Zonengrenze zwischen Buckow (West-Berlin) und Großziethen (Brandenburg)
Straße mit zwei Namen: Rechts Grenzstraße (Brandenburg), links "Stuthirtenweg" (Berlin)

Hinter den bunten Häusern warten zwei Linienbusse. Einer mit Kennzeichen LDS, der andere aus Berlin. Sie stehen Rückseite an Rückseite, als könnten sie sich nicht leiden. Ein paar hundert Meter hat eine Straße zwei Namen. Der rechte Fahrstreifen heißt „Stuthirtenweg“, auf Brandenburger Seite steht „Grenzstraße“. Ein Fahrstreifen ist Einbahnstraße, der andere nicht. In der Straßenmitte wuchert ein Scheitel aus Unkraut – das Niemandsland, vermute ich. Straßenführung als Fortsetzung des Kalten Krieges. Ob hier jemand mit mir spricht?

Auf der Brandenburger Seite stehe ich vor kitschigen Säulenportalen und weißleuchtenden Fassaden. Niemand macht auf. Im „Westen“ ducken sich ältliche Bungalows unter zu hoch gewachsenen Bäumen. Schließlich kommt doch noch ein Mann die Straße entlang. Lutz Drewitz ist mit seiner Familie in den 70er-Jahren hierher gezogen. Auf dem Grundstück stand ein mobiler Wohncontainer, als habe der frühere Bewohner dem Frieden an der Mauer nicht getraut. Lutz Drewitz aber baute ein Haus für seine Familie. Es stand fünf Meter vor der Mauer. „Meine Frau hat damals wilden Wein an den Beton gepflanzt, damit man das Grau nicht so sah.“

1962 werden in Großziethen Wohnhäuser entlang der Grenze zu West-Berlin evakuiert
Die Kindheit endete mit der Teilung: Peter Gunkel (Mitte) ist am Stadtrand aufgewachsen

Und es ist gar nicht so, dass sie sich nicht leiden können zwischen Großziethen („Ost“) und Buckow („West“). Das jedenfalls beteuert die fröhliche Runde an einem Gemüsestand, der genau auf der ehemaligen Grenze steht. Peter Gunkel, 72, hat Zeit seines Lebens in Buckow gewohnt. „Groß geworden bin ich aber in Großziethen.“ Er schwärmt von einer Kindheit auf dem Land vor der Haustür, vom Schwimmen in Großziethener Kiesgruben, Schlittschuhfahren auf zugefrorenen Rieselfeldern. Und erinnert sich, wie 1953 russische Soldaten die Grenze abriegelten. Gunkel und seine Freunde liefen dennoch ein letztes Mal zum Spielen nach „drüben“. Doch die Soldaten nahmen ihn für eine Nacht in der Kaserne gefangen. Er war damals elf. „Danach ließen uns unsere Eltern nicht mehr über die Grenze.“

Gunkel ist danach nie mehr nach Großziethen gefahren. Bis zum November 1989. „Ich habe es abgelehnt, der DDR Geld für den Zwangsumtausch in den Rachen zu werfen.“ Heute, sagt Gunkel, habe er zwar wieder gute Freunde auf der anderen Seite. Aber nicht die Kumpels von einst. Zu vielen hat er zu DDR-Zeiten per Post Kontakt gehalten, aber nach der Wende riss der Kontakt ab. „Die Mentalität hat sich sehr verändert, auf beiden Seiten“, sagt er.

Wald, Wald, Wald. Auch im Berliner Süden haben Bürgerinitiativen dafür gesorgt, dass der kahle Todesstreifen zum Biotop wurde. Ich radle durch Wiesen, über Natur-Lehrpfade und durch Hundeauslaufgebiete. Die Stille des Stadtrands zerschellt an der Bundesstraße 96. Vierspurig führt sie vom Berliner Ring nach Lichtenrade. Zu DDR-Zeiten durften hier nur Müllautos passieren, die aus West-Berlin zu den Deponien auf DDR-Gebiet fuhren. Es gab mehrere solcher „Müll-Übergänge“.

Tote an der Mauer
Auf der anderen Straßenseite erinnert eine Stele an Herbert Kiebler, der hier im Juni 1975 auf der Flucht erschossen wurde. Die DDR-Staatssicherheit tarnte seinen Tod als Suizid. Erst in den 90er-Jahren kam die Wahrheit ans Licht.

In Teltow verlasse ich den Mauerweg kurz für einen Abstecher zu einer Kultstätte. Die echte, bunt bemalte Berliner Innenstadtmauer – auch wenn in Berlin praktisch nichts mehr davon zu sehen ist, in Teltow gibt es sie noch. Ungefähr 200 Mauerteile stehen auf einer staubigen Brache in Reihen und Kreisen wie eine kultische Stätte. Beton, aufgeladen mit Geschichte, ein deutsches Stonehenge – so kann man es sehen.

Vier Tonnen wiegt ein Element, gut drei Meter hoch und mehr als einen Meter breit, allein der Fuß misst gut zwei Meter. Doch erst die Menge macht das Ausmaß der Berliner Mauer vorstellbar. Rund 45.000 solcher Elemente wurden verbaut. Ein großer Teil wurde nach der Wende von „Mauerpickern“ zu Souvenirs zerhackt. Die Mauerteile von Teltow werden heute zum Bemalen und Ausleihen angeboten. Ich setze ich mich einen Moment in den Schatten eines frischen „Thierry Noir“. Welchen Sinn hat es heute noch, die Mauer zu bemalen?

Mauerteile in Teltow - wer will, darf eines bemalen

Ich fahre zurück nach Wannsee, wo meine Wanderung begann. Vorbei an grasenden Ponys, Menschen mit Hunden und Fahrradtouristen. 25 Jahre nach dem Ende der Teilung hat sich der Todesstreifen ins genaue Gegenteil verkehrt. Aus dem Niemandsland ist ein Weg für alle geworden. Wer Berlin und die deutsch-deutsche Geschichte verstehen will, muss diesen Weg laufen.

25 Jahre – ist das nicht alles schon viel zu lange her? Nein, denke ich. Ein Vierteljahrhundert ist sogar eine sehr gute Distanz. Einerseits sind die schlimmsten Wende-Wunden inzwischen verheilt. Andererseits wird es nie mehr Zeitzeugen geben als jetzt die von damals berichten können und das auch wollen. Jede neue Generation wird neue Fragen stellen. Auch deshalb bin ich sicher: Es ist noch lange nicht alles erzählt.

© Berliner Morgenpost, 2014
Von Uta Keseling, Julius Tröger, Moritz Klack (webkid.io), Max Boenke, David Wendler
Mitarbeit: André Pätzold, Christian Schlippes
Fotos: Uta Keseling (32), pa/AP, pa/Matthias Kupfernagel (7), Imago (1), pa/ZB(8), pa/Zettler, Blunt/public domain, pa/AKG-IMAGES (3), pa/Keystone, Ralf Roletschek/public domain, Ullstein (2), Massimo Rodari, BstU (5), Assenmacher/CC-BY-SA-3.0, Joachim Schulz

Hintergründe zur Reportage

Die Luftbilder stammen von der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Sie wurden am 25. April 1989 aufgenommen. Die Berliner Morgenpost hat nun aus den mehr als 700 Einzelfotos ein Gesamtbild zusammengefügt und interaktiv umgesetzt. Die Ansicht kann mit Satelliten-Daten des Jahres 2009 verglichen werden. Allerdings stimmen die Koordinaten aus technischen Gründen nicht 100% überein.

Außerdem wurde damals lediglich über West-Berlin und wenige Hundert Meter über die Mauer hinweg fotografiert. Es handelt sich um Schwarzweiß-Aufnahmen, da farbige Luftaufnahmen in Berlin erst seit 2004 angefertigt werden.

Bei dem Mauerweg, der dieser Reportage zugrunde liegt, handelt es sich nicht um den tatsächlichen Mauerverlauf, sondern um einen Rad- und Wanderweg. Diesen hat der Berliner Senat ab 2006 ausgeschildert. Er verläuft teilweise auf West-Berliner Gebiet und teilweise auf der Ost-Seite.

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